Melt Festival, Ferropolis, Gräfenhainichen, Tag 3


Unfassbar gut: Pulp legten am Sonntagabend den besten Auftritt des gesamten Festivals hin. Foto: Melt-Festival

Unfassbar gut: Pulp legten am Sonntagabend den besten Auftritt des gesamten Festivals hin. Foto: Melt-Festival

Zwei Tage Melt hatten die Vermutung verstärkt: Die Ära der Rockstars ist vorbei. Der dritte Tag in Ferropolis brachte nicht nur Dauerregen, sondern auch das letzte Aufbäumen der Gitarrenhelden. Mit White Lies, den Cold War Kids und Pulp gab es am Sonntag gleich dreimal vergleichsweise unmoderne Klänge auf der Hauptbühne. Und auch diesmal eine Menge zu lernen.

Die Cold War Kids hatten den passenden Song für den regnerischen Sonntag: Hang Me Up To Dry.

Die Cold War Kids hatten den passenden Song für den regnerischen Sonntag: Hang Me Up To Dry.

1. Hang Me Up To Dry klingt noch ein bisschen besser, wenn die Cold War Kids den Song an einem Tag mit Regen, Regen, Regen vor einem tatsächlich durchnässten Publikum spielen. Zudem wird der Song für das Quartett aus Kalifornien beim Melt zu so etwas wie einem Rettungsring: Nachdem sie mit Louder Than Ever vom neuen Album Mine Is Yours toll begonnen hatten, ist dann die Luft recht schnell raus aus der Show der Cold War Kids. Doch mit Hang Me Up To Dry kriegen sie beim Melt noch einmal die Kurve und lassen dann schließlich doch zufriedene Fans zurück. Übrigens wechselt Sänger Nathan Willett, wie so viele Künstler beim Melt, ebenfalls zwischen Saiten- und Tasteninstrumenten. Der 31-Jährige, der einmal gesagt hat „I think my age is the very last to not have grown up with the internet. Myspace culture was abhorrent to me“, bedient sie aber nacheinander, je nach Song – die Generation der Digital Natives kriegt das innerhalb eines Lieds hin.

2. Irgendwo da draußen gibt es bestimmt schon ein paar Bands, die ihren Durchbruch schlicht und ergreifend schlechtem Wetter zu verdanken haben. Bag Raiders könnten sich da einreihen. Das House-Duo aus Australien klingt zwar manchmal wie DJ Bobo und manchmal wie eine Kreuzung aus Hurts und Unheilig, die Fans vor der überdachten Gemini Stage sind trotzdem äußerst euphorisiert – und sei es bloß, weil sie es endlich ins Trockene geschafft haben.

3. Dass es (bis auf Plan B., der „aus gesundheitlichen Gründen“ abgesagt hat und angeblich vor einigen Tagen einen Zusammenbruch erlitten hat) wirklich alle Künstler beim Melt auf die Bühne geschafft haben, kommt einem Wunder gleich. Denn die Treppe von den Künstlergarderoben zum Backstagegelände ist mörderisch glatt – vor allem, wenn sie in Kontakt mit 15 Stunden Regen gekommen ist.

4. Raven gegen Deutschland funktioniert noch immer bestens als Festival-Hymne. Die Jungs von Frittenbude springen spontan als Ersatz für Plan B. ein und holen sich für diese Coverversion beim Melt auch noch originale Egotronic-Verstärkung auf die Bühne. Auch sonst geben Frittenbude einen ausgezeichneten Lückenfüller. „Ihr seid alle jung, wir sind alt, aber zusammen sind wir abgefuckt und glücklich“, lautet eine der Ansagen von Johannes Rögner. Besser könnte man den Sonntag in Ferropolis gar nicht zusammenfassen.

5. Fotos haben einen ganz ähnlichen Slogan. „Ich bin ich / und du bist du / wir sind wasted immerzu“, heißt es bei den Jungs aus Hamburg in einem Song des aktuellen Albums Porzellan. Wenn man so sehr fokussiert ist auf die eigene Musik wie sie, dann muss man allerdings schon sehr gute Songs haben, um auf einem Festival trotzdem zu funktionieren. Fotos leben quasi in ihrem eigenen Sound – schaffen es im Intro-Zelt aber trotzdem, eine ganze Menge Leute zu der Nachfrage zu bringen „Wer ist das da gerade auf der Bühne?“ Muss wohl an den guten Songs liegen. Am Ende dürfen sie, als einzige Band überhaupt, die ich beim Melt gesehen habe, sogar eine Zugabe spielen.

6. Alle, die etwas auf ihre Coolness halten, sollten sich schleunigst mit ein paar sehr alten, sehr erfolgreichen Disco-Platten versorgen. Denn im VIP-Bereich regiert dieser Sound in Ferropolis an allen drei Tagen. Donna Summer, die Pointer Sisters oder auch die eine oder andere Coverversion von Olivia Newton John – das liegt hier auf den Plattentellern und bringt die Hipster-Hüften in Schwung. Let’s Get Physical!

Stimmungsvoll, düster und souverän: die White Lies am Sonntag.

Stimmungsvoll, düster und souverän: die White Lies am Sonntag.

7. White Lies sind die viel, viel, viel besseren Editors. Die Engländer haben kein Problem damit, dass sie erst zwei Alben im Gepäck haben – sie legen trotzdem einen extrem souveränen und stimmungsvollen Auftritt hin. Vom Opener Farewell To The Playground bis zum Über-Hit Death: sehr gelungen.

8. Bis zum Sonntag beim Melt war ich ein großer Befürworter von Papierhandtüchern in öffentlichen Toiletten. Neuerdings habe ich die Vorzüge von Lufttrockung entdeckt: Man kann sehr gut seine Schuhe über diese Maschinen stülpen und sie dann mit ein bis drei Durchgängen Heißluft wieder trocken bekommen. Zumindest bis zur nächsten Pfütze.

9. Liam Gallagher hatte am Samstag beim Melt den Verdacht bestärkt, dass der Rockstar eine aussterbende Spezies sein könnte. Jarvis Cocker machte am Sonntag deutlich: Wenn das wirklich so sein sollte, dann wäre es verdammt schade drum. Mit Pulp legt er die mit Abstand beste Show des ganzen Festivals hin, die sogar noch den Auftritt von Robyn am Freitag in den Schatten stellt. Er hat nicht nur eine sagenhafte Bühnenpräsenz. Er hat auch famose Ansagen mitgebracht. So verkündet er etwa die erstaunliche Tatsache, dass Pulp noch nie in ihrer Karriere einen Auftritt an einem 17. Juli gespielt haben. Und er weiß zudem noch zu berichten, dass an diesem historischen Datum sowohl Angela Merkel als auch David Hasselhoff Geburtstag haben. „I think it will be a very special day“, lautet seine Schlussfolgerung – und er soll Recht behalten. Von Do You Remember The First Time über das irre Disco 2000 (den einzigen Moment am Sonntag, in dem der Regen kurz aufhörte) bis zum gefeierten Rausschmeißer Common People – es gibt alle Hits, Pop auf höchstem Niveau und dazu famoses, anzügliches, intelligentes Entertainment. Jarvis Cocker feiert noch immer in jedem Moment die Tatsache, dass er es dank seiner Songs vom Nerd zum Sexgott gebracht hat, er flirtet mit dem Publikum, er klettert auf die Lautsprecher, er fickt förmlich mit der Bühne. Nach diesem Auftritt muss man wirklich hoffen, dass der eine oder andere Knöpfchendreher bei den durchaus talentierten Nachwuchsband des Melt noch die exaltierte Rampensau in sich entdeckt.

Besser konnte diese irre Show nicht enden: Pulp spielen Common People beim Melt-Festival 2011:

Einen ausführlichen Rückblick auf das gesamte Melt-Festival 2011 gibt es hier.

Und die besten Fotos vom Melt gibt es in dieser Bilderstrecke bei news.de.

Meine eigene Bilderstrecke mit mehr als 50 Fotos vom Melt 2011 gibt es hier.

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