Mozart für Gruftis


Unmittelbar Vor dem Konzert wird noch einmal geprobt. Und besonders gruselig sieht das nicht aus.

Die Peterskirche ist „städtebaulich prägend für die Leipziger Südvorstadt“, behauptet eine Infotafel im Seitenschiff. Das ist eine gewagte These. Denn die Kirche, die erstmals 1213 erwähnt wird und die in der jetzigen Form 1882 erbaut wurde, ist zwar – steht man erst einmal direkt davor – höchst imposant. Ihr 88 Meter hoher Turm überragt locker die höchste Spitze der berühmteren Thomas- und Nikolaikirche. Trotzdem kann man diese Kirche auch gut übersehen. Sie ist rundum so dicht bebaut, dass man 50 Meter an ihr vorbeispazieren kann, ohne sie auch nur annähernd zu bemerken.

Ich habe jahrelang nicht weit entfernt von der Kirche gewohnt, ohne überhaupt zu wissen, dass sie da steht. Dann, eines Nachts, wählte ich auf dem Weg nach Hause eine Abkürzung – und plötzlich ragte da diese Kirche in den dunklen Himmel, als sei sie klammheimlich binnen weniger Stunden von Mainzelmännchen gebaut oder von Aliens kurz hier zwischengelagert worden. Das war ein ziemlicher Schock.

Ähnlich überrascht müssen die Spaziergänger gewesen sein, die gestern Nachmittag an der Peterskirche vorbeikamen. Denn obwohl es ein Frühlingstag wie aus dem Bilderbuch ist, regiert in der Kirche die Trauer. Obwohl niemand gestorben ist, erklingt Mozarts Requiem in d-Moll. Und obwohl es keinen Gottesdienst gibt (oder gerade deshalb), ist die Kirche rappelvoll.

Wer von den Spaziergängern womöglich gar einen Blick durch die prachtvoll bemalten Fenster wagt, bekommt ein höchst ungewöhnliches Spektakel zu sehen. Im Altarraum musiziert ein Universitäts-Orchester höchst gekonnt, dazu erklingt ein ebenso kompetenter Chor aus Gesangsstudenten. So weit, so erwartbar. Aber das Publikum! So etwas gibt sonst wohl nicht einmal beim Kostümball und höchstens in den weniger schlimmen Träumen von Tim Burton. Da sitzt Napoleon Bonaparte neben jemandem, dessen Uniform an ein finsteres autoritäres Regime der Zukunft denken lässt. Da kommen Damen herein, die geradewegs den Seiten von Interview mit einem Vampir entsprungen zu sein scheinen, und ältere Herren, die wohl erst reagieren, wenn man sie mit «Fürst der Finsternis» anspricht. Auf der Empore steht das Phantom der Oper – und direkt neben mir sitzt jemand, der sonst wohl eher zu Satan betet als in der Gemeinde St. Petri.

Denn das Konzert findet im Rahmen des Wave-Gotik-Treffens statt, der jährlichen Zusammenkunft der Schwarzen Szene in Leipzig. Immer an Pfingsten wird die Stadt zum Walhalla für an die 20.000 Gruftis. Sie kommen aus ihren dunklen Kellern aus aller Welt – und bringen, so weit ich mich erinnern kann, erstaunlicherweise fast immer die Sonne mit. Es regieren Dark Wave, Industrial und das, was aus mir noch immer unerfindlichen Gründen „Electronic Body Music (EBM)“ heißt, in den Clubs der Stadt. In dieser Szene hat man natürlich ein Faible für das Morbide – und durchaus auch für Mozart. Das gilt zumindest für Mary Machregor-Reid. Wie die meisten, die sich kurz vor Einlassbeginn auf dem Kirchvorplatz tummeln, sieht sie nicht aus wie jemand, der regelmäßig eine Kirche besucht. Und erst recht nicht wie ein Fan von klassischer Musik.

«Man kann eben nicht nach dem Aussehen gehen. Ich sehe zwar wie ein Punk aus, aber ich bin mit viel klassischer Musik aufgewachsen. Und das Requiem von Mozart gehört neben dem von Brahms zu meinen absoluten Favoriten», erzählt die Neuseeländerin. Nach dem Mozart-Konzert geht es weiter zu einer Rockshow an der Moritzbastei. Und ganz besonders freut sie sich auf den Auftritt von Alien Sex Fiend. Sie hat 24 Stunden Anreise auf sich genommen, um beim Wave-Gotik-Treffen dabei zu sein. «Alle Goths kennen das Festival, auch am anderen Ende der Welt. Und es ist großartig hier. ich werde auf jeden Fall wieder nach Leipzig kommen», schwärmt sie.

Auch eine Gruppe junger Damen aus Mannheim und Stuttgart, deren Kleider so ausladend sind, dass sie später nicht die enge Wendeltreppe auf die Empore heraufkommen werden, ohne den Putz von den Wänden zu scheuern, beteuert: «Das ist für uns nicht nur ein schräges Event. Wir hören auch zuhause Mozart.» Sie waren tags zuvor beim Viktorianischen Picknick dabei und übernachten extra in einer Pension, um genug Zeit, Platz und sanitäre Grundausstattung zu haben, sich jeden Tag neu zu stylen. Das Trio war schon im vergangenen Jahr dabei, als das Requiem in der Krypta des Völkerschlachtdenkmals aufgeführt wurde.

Auch da war schon die Stüba-Philharmonie am Werk. „Das war wirklich strange“, erzählt mir der Trompeter kurz vor dem Konzert (während er einen Zigarillo raucht und damit wohl nicht gerade seine Blechblaskarriere befeuert). „Die Leute wussten zum Beispiel nicht, dass man zwischen den einzelnen Sätzen nicht klatscht. Aber für uns ist so etwas natürlich spannender als ein normales Konzert“.

In der Kirche muss man derweil zweifeln, ob die Peterskirche einen vergleichbar imposanten Schauplatz abgeben wird wie der Völkerschlachts-Koloss. Denn die im Zweiten Weltkrieg stark ramponierte Peterskirche ist eigentlich ein vergleichsweise ungruseliger Ort. Kurz vor dem Konzert, als das Orchester noch einmal probt, ist hier wenig von der besonderen Atmosphäre zu spüren, die Sakralbauten sonst auszeichnet. Die Gemeinde sitzt auf hellen Holzklappstühlen und schaut auf einen Altar, der aus Beton gemacht scheint. Den Fußboden ziert höchst profaner PVC-Belag und irgendwo baumelt noch ein bisschen Baustellen-Absperrband.

Doch für das Andächtige soll schließlich die Musik sorgen, und als das Konzert beginnt, wird es tatsächlich zu einem Erlebnis der besonderen Art. Ich kann zwar nach wie vor nichts mit klassischer Musik anfangen, aber in dieser Umgebung bekommen die Klänge noch einmal eine neue, spannende Dimension.

Auch Dirigent Wieland Lemke ist danach überaus angetan. «Für uns ist das natürlich auch ein besonderes Konzert. Aber dieses Publikum ist ungeheuer offen und begeisterungsfähig. Und wir können bei solchen Gelegenheiten klassische Musik vielleicht auch Leuten nahe bringen, die sie sonst nicht so gut kennen.» Wenn er wählen müsste zwischen dem regulären Publikum bei einem klassischen Konzert und der schwarzen Szene, fällt seine Entscheidung nicht schwer: «Wave-Gotik-Treffen, definitiv.»

Vor dem Konzert hatte er die Gäste diesmal vorsichtshalber instruiert, erst ganz am Schluss zu klatschen. Und auch sonst ist erstaunlich, wie hoch anständig (ja: beinahe konservativ) das Publikum ist. Vor dem Einlassbeginn stellen sich alle brav vor dem Hauptportal an, obwohl man sich (wie ich) auch problemlos durch einen Seiteneingang in die Kirche schleichen kann. Es gibt einen extrem höflichen Begrüßungsapplaus und während des gut einstündigen Konzerts (bis auf ein paar Babyschreie und den Typ vor mir, der seinem Nachbarn eine Flasche reicht mit dem Satz: „Das ist Wermut, Du Sau!“) andächtige Stille.

Als der letzte Ton verklungen ist, spenden die Zuhörer stehende Ovationen. Als erster springt ein Kerl ganz begeistert auf, der in seinem Militaria-Outfit den Eindruck erweckt, als habe er auch schon damals bei Goebbels immer am lautesten gejubelt. Und nach der schwarzen Messe spenden viele auf dem Weg zum Ausgang noch brav für die Restaurierung der Peterskirche. Vielleicht, damit es im nächsten Jahr noch ein bisschen düsterer werden kann.

Eine gekürzte Version dieses Artikels mit einer spektakulären Fotostrecke und einem amüsanten Video vom Wave-Gotik-Treffen gibt es auch bei news.de.

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