Niklas Natt och Dag – „1794“


Autor Niklas Natt och Dag

Niklas Natt och Dag 1794 Review Kritik

„1794“ ist eine ungeplante Fortsetzung des Debüts von Niklas Natt och Dag.

Titel 1794
Verlag Piper
Erscheinungsjahr 2019
Bewertung

In der Danksagung zu 1794 deutet Niklas Natt och Dag an, dass die Idee für eine Fortsetzung seines enorm erfolgreichen Debüts nicht von ihm selbst kam. Sie ist auch nicht ganz naheliegend, schließlich stand in 1793 ein Ermittlerduo im Mittelpunkt des Geschehens, dessen eine Hälfte das Ende des Romans nicht überlebte. „Ich habe nicht erwartet, dass aus meinem ersten Roman etwas Großes werden würde. Ich hätte gerne eine Trilogie geplant, aber ich dachte, es würde bei diesem einen Roman bleiben“, erzählt der Autor, der einem der ältesten schwedischen Adelsgeschlechter entstammt, im Interview mit Denis Scheck, der dieses Buch in Druckfrisch als „die Zukunft des Kriminalromans“ preist.

In der Tat ist auch 1794 ein enorm spannungsreicher, origineller und atmosphärisch sehr dichter Thriller. Der Autor lässt Stockholm zum Ende des 18. Jahrhunderts wieder auferstehen, mit einer Vorliebe für seine sozialen Abgründe und politischen Intrigen. Der Leser spaziert mit dem Erzähler an Herrenhäuser, Kirchen und Palästen vorbei, doch vor allem lernt er Kranken-, Zucht-, Irren und nicht zuletzt Schankhäuser kennen, die mit großem Detailreichtum und in einem Stil geschildert werden, der dieser Zeit angemessen ist, ohne altertümlich zu wirken. „Ein Schmutzfilm liegt über allem, man fühlt sich besudelt und befleckt nach der Lektüre“, fasst Denis Scheck das Resultat dieser Herangehensweise sehr treffend zusammen.

1794 hat im Vergleich zum Vorgänger mehr als genug eigene Ideen, baut auch eine Liebesgeschichte ein und kann auch in puncto Schonungslosigkeit locker mithalten. Dennoch muss man attestieren: Es wäre zugleich ein besseres und schlechteres Buch, hätte es 1793 nicht gegeben. Es wäre besser, weil dann die Messlatte nicht so hoch liegen würde, weil die Schockeffekte ebenso wie die Rechercheleistung, die schon im ersten Roman dieses Autors so herausragend waren, noch stärker wirken würden. Es wäre schlechter, weil dann all die Finesse verloren ginge, mit der hier Bezüge zur Vorgänger hergestellt werden. Zwar tauchen erst nach über 100 Seiten die ersten bekannten Figuren aus 1793 wieder auf (und das ziemlich unvermittelt), aber danach schafft es Niklas Natt och Dag sehr gekonnt, seinen Lesern kleine Köder zu geben, die auf das vorangegangene Buch verweisen und die Kenner seines Debüts belohnen.

Dass 1794 zwar extrem spannend ist, aber nicht ganz den atemlosen Sog des Vorgängers erzeugen kann, liegt auch daran, dass der Autor den Horizont diesmal deutlich weiter spannt. Zum einen gibt es viel mehr Schauplätze: Eine wichtige Passage spielt im Wald vor der schwedischen Hauptstadt, der Roman beginnt auf einem Landgut und führt von dort sogar in die Neue Welt. Zum anderen ist auch das Ensemble deutlich umfangreicher: 18 Figuren sind im Personenregister zu Beginn aufgelistet. Nicht alle davon sind so packende Charaktere wie der Kriegsveteran Jean Michael Cardell, eine alternde Hebamme oder die Mutter einer Braut, die in ihrer Hochzeitsnacht bestialisch ermordet wurde und Cardell nun um Hilfe bei der Aufklärung dieses Verbrechens an ihrer geliebten Tochter bittet. Gelegentlich begegnet man auch etwas flacheren Figuren wie einem Mädchen im Wald oder dem hochgradig naiven Erik Drei Rosen, der im ersten Teil des Buches als Ich-Erzähler auftritt. Selbst der Bösewicht Tycho Ceton ist bei all seiner Durchtriebenheit und all seinen Perversionen nicht ganz so schaurig wie sein Ebenbild im ersten Teil.

Neben Cardell, der nun mit Emil Winge, dem Bruder seines Partners aus 1793, den brutalen Mord aufklären will, gibt es weitere vertraute Elemente. Es geht erneut um Lügen, Verschwörung und Sadismus (Amputationen scheinen bei Niklas Natt och Dag ein besonders beliebtes Motiv zu sein), aus den Protagonisten spricht eine große Zivilisationsmüdigkeit, die dem Geschehen und der Stimmung eine interessante Aktualität geben. Das gilt auch für den Kern dieser beiden Romane, die natürlich nicht zufällig nach den Jahren im Zeitalter der Aufklärung benannt sind, in denen sie spielen. Hehre Ideale treffen hier auf unmenschliche Gewalt, die Protagonisten erleben ein enges Miteinander als einzige Chance ebenso wie gegenseitige Unbarmherzigkeit als ganz normalen Alltag. Wie schon im ersten Teil nutzt Niklas Natt och Dag die damals hoch aktuellen philosophischen Debatten (und den Wissensvorsprung der heutigen Leser), um der Frage nachzuspüren, wie weit wir mit der Aufklärung tatsächlich gekommen sind und welche Folgen ihre Ideen für die Gesellschaft damals wie heute haben. Das Gottesgnadentum der Mächtigen liegt im ausgehenden 18. Jahrhundert ebenso darnieder wie die Frömmigkeit im einfachen Volk. Die Menschen erkennen, dass sie selbst verantwortlich sind für ihr Schicksal, und das gibt der Frage nach ihrer Natur neue Bedeutung. Sind sie Monster oder sind sie Engel? Können sie Moral und Autorität auf ihr Gutsein gründen, oder brauchen sie Zwang und Sanktionen, um sie aufrechtzuerhalten? Thomas Hobbes oder Jean-Jacques Rousseau sind die Antipoden dieser Debatte, und in 1794 finden sich klare Entsprechungen dafür. Der perfide Tycho Ceton („Es heißt, wir leben im Zeitalter der Vernunft – nur verstehen die Leute nicht, dass der Mensch von Kräften angetrieben wird, die tiefer reichen als die reine Logik“, sagt er an einer Stelle) repräsentiert die eine Seite, das idyllische Miteinander im Kinderheim Hornsberget die andere.

Auch ein Arzt auf der Insel Barthelemi (eine schwedische Kolonie, zentraler Umschlagplatz für den internationalen Sklavenhandel und wichtigster Schauplatz im ersten Teil des Romans) bringt dieses Leitmotiv sehr explizit zum Ausdruck „Vielleicht waren die Wilden aber auch noch nie edel… Vielleicht wurde unsere Spezies seit Anbeginn von dieser Art der Fäulnis geplagt? Womöglich wird die Welt nur älter, aber niemals besser. Vielleicht erlaubt uns der Fortschritt, den wir als Zivilisation bezeichnen, letztlich nur, das Böse, das unserem Menschengeschlecht innewohnt, in einem nie gesehenen Ausmaß auszuleben?“ Dass Niklas Natt och Dag in dieser Frage nicht nur unentschieden bleibt, sondern hier auch unverkennbare Sympathien und vor allem ein enormes Maß an Einfühlungsvermögen für beide Betrachtungsweisen zeigt, ist eine der großen Stärken seiner Romane.

Bestes Zitat: „Der Grund, warum Satanas an meiner Seiten wandeln kann, ist einzig und allein der Umstand, dass die Welt, in der wir Menschen leben, die eigentliche Hölle ist – ein Fegefeuer, das wir selbst entzündet haben und dessen Flammen wir kraft unserer Lügen und unseres eitlen Lebenstanzes anfachen.“

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