Durchgelesen: Franz Dobler – “Johnny Cash. The Beast In Me”

September 19, 2004 · Posted in Bücher, Bücherregal · 1 Comment 

"The Beast In Me" ist eine sehr persönliche Biografie.

Autor Franz Dobler
Titel The Beast In Me – Johnny Cash und die seltsame und schöne Welt der Countrymusik
Verlag Heyne
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung ***1/2

Ziemlich genau ein Jahr ist Johnny Cash jetzt tot. So wurde zwei Jahre nach Franz Doblers “The Beast In Me – Johnny Cash und die seltsame und schöne Welt der Countrymusik” schon eine neue Auflage der Biografie nötig.

Nach dem Tod des “Man in black”, nach all den Nachrufen und Rückblicken, ist Doblers Buch weniger denn je die ultimative Johnny-Cash-Biografie – zumal zwei Lebensbeschreibungen von Cash selbst vorliegen und Dobler für die neue Auflage zwar ein Kapitel ergänzt, aber an den vorherigen kaum etwas verändert hat.

Das Buch hat weitere Schwächen, bietet kein exklusives Material und für den Cash-Kenner kaum Neues. Auch die Selbstverliebtheit des Autors, die am Anfang penetrant und auch im weiteren Verlauf des Werkes noch virulent ist, irritiert.

Doch gerade weil sich Dobler in “The Beast In Me” nicht zurücknimmt, gerade weil es so eine persönliche Biografie ist, gelingt es dem Autor ein Kunststück: Es gibt andere Bücher, die Johnny Cashs Leben anschaulicher machen. Aber es gibt keines, das seine Bedeutung so klar hervortreten lässt. Gerade für Country-Novizen bietet es wichtige Einordnung und unverzichtbaren Hintergrund, vor dem Cash nur um so heller erstrahlt.

Dobler gelingt so eine unterhaltsame und erhellende Geschichte des Genres, die auch weit über Memphis oder Nashville hinausblickt. Sogar bis nach Hamburg und Seattle (“Cash hatte in der Schlacht überlebt, in der Cobain verloren hatte: Im Musikbusiness auf höchster Ebene kein Sklave zu werden.”). Doblers Eifer ist es, der “The Beast In Me” prägt. Mit dieser Unversöhnlichkeit (und auch der derben Sprache) wird er dem “Geschichtsprofessor der Countrymusik” dann doch noch gerecht. In diesem Buch stecken so viel Hass auf das Musikbusiness und so viel Liebe zur Musik wie in Johnny Cash.

Beste Stelle: “Und seine Stimme klang wie die Stimme, die den Amerikanischen Traum für beendet und den Jüngsten Tag für angebrochen erklärt.”

Durchgelesen: Günter Netzer – “Aus der Tiefe des Raumes”

September 17, 2004 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 

Eine Biographie, die nichts bietet außer Fußball - das ist ein Gewinn.

Autor Günter Netzer
Titel Aus der Tiefe des Raumes. Mein Leben.
Verlag Rowohlt
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung ***1/2

Man muss sich zunächst ein bisschen wundern über diese Biografie. Günter Netzer, war das nicht der Lebemann, der Playboy, der mit den Ferraris und Frauengeschichten? Er war. Und doch kommt dieses Buch ohne Klatsch, Prahlerei und Bettgeschichten aus.

Es ist ein Buch, das sich tatsächlich um nichts anderes dreht als um Günter Netzer und Fußball. Und das ist auf Dauer durchaus wohltuend.

Wie Netzer launig und auch mit gelegentlicher Selbstironie (“Ich hatte aus dem Mittelfeld heraus Jupp Heynckes angespielt, über dreißig, vierzig Meter, und war tatsächlich diese lange Strecke – ich war im Rausch, ich war nicht ich selbst – hinterhergerannt.”) erzählt, hebt sich angenehm ab von den Lebensgeschichten, die Effenberg, Becker oder Matthäus unters Volk gebracht haben. Schnell wird deutlich, dass der angeblich mächtigste Mann im Weltfußball ein solches Niveau nicht nötig hat. Netzer versucht gelegentlich, sich zu rechtfertigen, aber er leugnet nichts.

Noch eines fällt auf: Nachtragend ist der einstige “Rebell” (ein Image, das er in “Aus der Tiefe des Raumes” noch immer nicht anerkennen, aber erklären kann) nun wirklich nicht. Auch wenn Netzer noch mit manch einem eine Rechnung offen hat (Hennes Weisweiler, Helmut Schön oder Kevin Keegan wären Kandidaten): Netzer ist viel zu sehr Gentleman, um auf diesem Weg nachzukarten. Stattdessen erfährt man, warum ein Bob-Dylan-Konzert für seine Karriere so wichtig war, warum man als Rechtehändler trinkfest sein muss und warum er Gerhard Delling niemals das “Du” anbieten wird.

Und Netzer erzählt vom Fußball aus einer tollen Zeit, von großen Spielen (natürlich der 7:1-Triumph gegen Inter Mailand, natürlich das Pokalfinale gegen Köln), eindrucksvollen Begegnungen (mit Santiago Bernabeu oder Frank Sinatra) und von seinem Verständnis vom Fußball, das mehr mit Ästhetik, Pop und Leidenschaft zu tun hat, als das es irgendein heutiger Bundesligaprofi verstehen könnte.

Beste Stelle: “Rebell wurde ich, weil ich faul war. Oder vernünftig, das ist möglicherweise Ansichtssache.”

Hingehört: Arrested Development – “Among The Trees”

September 13, 2004 · Posted in CD-Regal, Musik · 1 Comment 

Arrested Development scheinen der Anti-HipHop zu sein, haben das Genre aber trotzdem geprägt.

Künstler Arrested Development
Album Among The Trees
Label Edel
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung ****

Wenn man im Lexikon unter “HipHop” nachschlägt, wird man dort sicherlich etwas finden von Urbanität, Samples und Gangsta. Vielleicht noch ein paar mehr Schlagworte: Einzelkämpfer, Selbstdarsteller, frauenfeindlich, aggressiv.

Arrested Development sind das genaue Gegenteil von all dem: Sie leben nicht in der Großstadt, benutzen kaum Samples, sind rechtschaffen, politisch korrekt, demütig, entspannt und ein zwei Dutzend Leute (und reichlich gleichberechtigte Frauen) umfassendes Kollektiv.

Trotzdem gelten Arrested Development als stilprägende HipHop-Band, und warum das so ist, machen sie auf “Among The Trees” deutlich, dem ersten Studiowerk seit zehn Jahren. Denn mit der selben Herangehensweise wie einst De La Soul und heutzutage Outkast (nämlich: auf die Regeln des Lexikon-HipHop zu pfeifen) eröffneten sie dem Genre neue Perspektiven. Arrested Development rappten plötzlich über Afrika, Umweltschutz und Landleben. Und sind damit immer noch ziemlich einzigartig.

A Lotta Things To Do bezieht seinen Groove nicht aus Monsterbeats, sondern aus einem filigranen Bongo-Rhythmus, dazu gibt es einen verführerischen Refrain. Esmeralda ist ein Instant-Clubhit, samt funky Gitarren und einer Ahnung von Spanien irgendwo am Horizont. Luxury schwört natürlich dem Luxus von Kreditkarten und Leibwächtern ab und schätzt stattdessen die Annehmlichkeiten einer, sagen wir mal, Hängematte. Stress ist hier ein Fremdwort, die kleinen Freuden und The Things Distracting werden sogar als Sinn des Lebens gewürdigt.

Anderswo wird das Landleben gepriesen, natürlich nicht ohne Öko-Aufruf (In The Sun, Among The Trees). Das alles mag nach unerträglicher Gutmenschelei klingen, wenn dann aber auch noch dem Alter der ihm gebührende Respekt entgegen gebracht wird, und zwar in so unwiderstehlicher Form wie Baba O Je Is The Oldest One, dann nimmt man das gerne hin. Ähnlich relaxt geht es in Wag Your Tail zu, Speech veredelt das Stück mit seinem noch immer unerreicht sachtem Flow.

“When I say true, you say love”, heißt es am Ende von Honeymoon Day, die Crowd steigt sofort auf das Call-and-Response-Spiel ein, und das ist eine herrlich augenzwinkernde Persiflage auf das sonst im HipHop übliche Macho-Gehabe – und damit typisch für Arrested Develoment. Noch ein Tip für alle, die sie nun trotzdem im Lexikon finden wollen: Am besten mal unter “Hippie Hop” suchen.

Eine Live-Version des Honeymoon Song:

Arrested Development bei MySpace.

Der Stoff, aus dem Künstlerträume sind

September 12, 2004 · Posted in Artikel, Weltgeschehen · Comment 
Geschäftsführerin Ramon Höfler hat noch nicht genug von Orange.

Geschäftsführerin Ramon Höfler hat noch nicht genug von Orange.

Orange. Überall Orange. Wäre es ein bisschen wärmer, wähnte man sich auf einer Südfrucht-Plantage. Wäre es ein bisschen lauter, könnte man meinen, man sei in den Fanblock der holländischen Nationalmannschaft geraten. Doch dieses Orange rührt nicht von Obst, Trikots oder Fahnen her. Dieses Orange ziert Stoffbahnen. Meterlange Stoffbahnen. Aufgespannte, zurechtgefaltete, eingeschweißte. Sie alle sind aus demselben Material. Und alle sind orange.

Am 12. Februar sollen die Stoffbahnen entlang der Gehwege im Central Park wehen. 7550 Tore lässt das New Yorker Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude für sein neues Projekt “The Gates” dort aufstellen. In diesen knapp fünf Meter hohen Toren werden die Stoffbahnen wie Vorhänge wehen. Im Zusammenspiel mit Wind und Sonne soll das Ganze aus der Ferne wie ein goldener Fluss aussehen – und über den Spaziergängern im Park eine goldene Kuppel bilden. 16 Tage lang wird das Kunstwerk allen Besuchern kostenlos zugänglich sein.

“Eine Erfahrung, an die man sich noch lange mit Freude erinnern wird”, versprechen die Verpackungskünstler. Damit das klappt, muss in diesen Tagen aber erst noch der letzte Container mit den orangenen Stoffbahnen heil im Hafen von Queens ankommen. Ihre Reise begonnen hat die Fracht in Taucha, einem Vorort von Leipzig. Denn dort ist die Firma Bieri Zeltaplanen GmbH mit der Produktion der Vorhänge beauftragt.

Das Unternehmen fertigt mit 20 Mitarbeitern sonst eigentlich Zelte, Pavillons und Lkw-Aufbauten für Autohäuser, Brauereien oder Speditionen. Auch das Dach über der Boxengasse beim Großen Preis von Kanada wurde in Taucha hergestellt. Ganz groß raus kam die Firma aber 1995 bei der ersten Kooperation mit Christo und Jeanne-Claude. Damals verhüllte das Künstlerpaar den Berliner Reichstag. Und die 100.000 Quadratmeter Stoff, die dazu nötig waren, wurden in Taucha zurechtgeschnitten.

Weil die Zusammenarbeit gut geklappt hat, fragten die Künstler auch für das neue Vorhaben im Leipziger Vorort an. “The Gates ist für uns nicht nur ein Prestigeobjekt. Das ist auch ein lukrativer Auftrag”, sagt Geschäftsführerin Ramona Höfler. Die 43-Jährige ist seit 1986 im Betrieb und hat sich von der Schreibkraft zur Chefin hochgearbeitet. Auch diesmal gilt es, 100.000 Quadratmeter Textilien in Form zu bringen. “Im Moment haben wir so viel zu tun, dass wir auch samstags arbeiten müssen. Das ist natürlich hart, wenn man auch Familie hat. Ich bringe deshalb immer selbst gemachtes Frühstück für die Mitarbeiter mit – als zusätzliche Motivation”, erzählt die Mutter zweier Kinder.

Um den Großauftrag zu bewältigen, hat die Firma zwei zusätzliche Näherinnen eingestellt. “Wir sind voll im Zeitplan. Mitte September ist alles fertig, Ende September ist alles in New York”, sagt Höfler.

Bis dahin hat der orangene Stoff eine wahre Odyssee hinter sich. Die Farbe wurde in China gefertigt. Das Material, das speziell für The Gates entwickelt wurde und dessen Zusammensetzung wie ein Staatsgeheimnis gehütet wird (Höfler: “Wir dürfen nicht den kleinsten Fetzen davon weitergeben”), wird aus Emsdetten in Nordrhein-Westfalen nach Taucha geliefert. Dort wird der Stoff dann zugeschnitten, geschweißt, genäht, auf Pappe aufgerollt, in Folien verpackt, auf Paletten verladen und nach New York verschifft. Die dabei verwendeten Garne, Folien und Container sind natürlich ebenfalls orange.

Ramona Höfler hat dennoch nicht die Nase voll von dieser Farbe. Im Gegenteil – sie mag das Material: “Das Gewebe ist viel leichter und auch besser zu verarbeiten als bei der Reichstagsverhüllung. Da war alles noch aluminiumbeschichtet und unsere Näherinnen haben sich an den Bahnen die Arme aufgescheuert.”

Eine Näherin schafft etwa 45 Vorhänge am Tag. Die Künstler haben genaue Stellen vorgeschrieben, an denen Falten eingearbeitet werden müssen – damit es auch bei Flaute aussieht, als würden die Bahnen im Wind wehen.
Dass die Vorgaben der Künstler eingehalten werden, überwacht Wolfgang Volz. Der Düsseldorfer Fotograf ist Manager von Christo und Jeanne-Claude und wird täglich über den Stand der Dinge informiert. Einmal pro Monat überzeugt er sich vor Ort über den Fortgang der Arbeiten.

“Christo fertigt mit Fotos von mir Collagen und Zeichnungen an, die das Projekt zeigen. Diese Vorgabe habe ich in die technischen Zeichnungen und Maßtabellen umgesetzt und nach Taucha gegeben”, erklärt Volz die Arbeitsweise. Die visuelle Erscheinung der Tore sei vor über 20 Jahren festgelegt worden, denn so lange versuchen die Künstler schon, The Gates zu verwirklichen.

Sein Ansprechpartner in Taucha ist Roland Eilenberger. Der 61-jährige gelernte Sattler arbeitet seit 1965 im Unternehmen, das damals noch VEB Favorit Taucha hieß und Campingzelte produzierte. Als Technischer Leiter musste er dann nach der Wende die von der Treuhand beschlossene Liquidation umsetzen (“Das hat menschlich geschlaucht”). Später hat er die Firma als gesellschaftlicher Geschäftsführer wieder belebt, schließlich stieg 2000 ein Schweizer Konzern ein, dem die Tauchaer heute als Tochtergesellschaft gehören.

The Gates ist das letzte Projekt, an dem Eilenberger mitarbeitet. Bei der Enthüllung des Werks in New York wird er dabei sein und sich danach in den Ruhestand verabschieden. “Für uns bedeutet The Gates in erster Linie Arbeit. Aber wir wissen auch, um was es geht, und was das Anliegen der Künstler ist”, betont Eilenberger. Dass ein besonderer Kitzel dabei ist, will er gar nicht verhehlen: “Für jeden Mitarbeiter ist das ein Anreiz. So ein Kunstwerk zu machen, ist gigantisch.”

Durchgelesen: Haruki Murakami – “Gefährliche Geliebte”

September 9, 2004 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 

"Gefährliche Geliebte" ist lebendig - und hoch erotisch.

Autor Haruki Murakami
Titel Gefährliche Geliebte
Verlag btb-Verlag
Erscheinungsjahr 1992
Bewertung ****

Endlich, endlich darf auf dieser Seite auch einmal Marcel Reich-Ranicki auftauchen. Der fand nämlich, dass dieses Buch “ein hoch erotischer Roman” ist, mit einer Liebesszene, wie er sie “seit Jahren nicht mehr gelesen” habe. Das mit der Liebesszene lasse ich mal dahingestellt, da kenne ich mich nicht aus. Ein hoch erotischer Roman ist “Gefährliche Geliebte” aber auf jeden Fall.

So sehr, wie sich die Hauptfigur Hajime in seiner Obsession für seine Jugendliebe verliert, so schnell taucht man sich in Murakamis Werk ein. Mindestens ebenso sehr wie die Liebe behandelt der Roman aber das Älterwerden, das Erinnern, Vergessen und Verdrängen.

Hajime weiß, dass er nicht aus seiner Haut kann, so sehr er sich auch bemüht. Er weiß, dass er eigentlich zufrieden und glücklich sein müsste, doch da ist stets dieser “Hunger”, den er nicht los wird. Dass er zerrissen ist, nicht aus Orientierungslosigkeit, sondern weil er genau weiß, was er will, macht die Figur so eindrucksvoll. Und lebendig.

Beste Stelle: “Das Gefühl, ihre Hand zu halten, hat mich nie wieder verlassen. Es war anders als bei jeder anderen Hand, die ich je gehalten hatte, anders als bei jeder Berührung, die ich je erlebt hatte. Es war lediglich die kleine, warme Hand eines zwölfjährigen Mädchens, aber diese fünf Finger, diese Handfläche waren wie eine Vitrine, die absolut alles enthielt, was ich wissen wollte – und was ich wissen musste. Indem sie meine Hand nahm, zeigte sie mir, was dieses ‘alles’ war. Zeigte mir, dass es hier, in der realen Welt, einen solchen Ort gab.”

Gelitten, gelernt, geschafft

September 7, 2004 · Posted in Blog, Ich · Comment 
Eine Mischung aus Erleichterung und Erschöpfung macht sich breit, als endlich das Ziel erreicht ist. Foto: Charlie Rolff

Eine Mischung aus Erleichterung und Erschöpfung macht sich breit, als endlich das Ziel erreicht ist. Foto: Charlie Rolff

So richtig weiß ich auch nicht mehr, wie ich überhaupt auf diese Idee gekommen bin. Irgendjemand hatte erzählt, dass der Fulda-Marathon am 5. September stattfindet. Ich war gerade ganz fit und hatte auch noch ein paar Wochen Zeit, um mich intensiv vorzubereiten. So nahm das Unheil seinen Lauf.

Der Start: Ich komme erst auf den letzten Drücker. Meine Laune ist nicht die beste. Aus lauter Angst, den großen Tag zu verschlafen, habe ich kaum ein Auge zugetan. Während der Fuldaer Oberbürgermeister den Countdown zum Start herunterzählt, bin ich hektisch damit beschäftigt, meine Startnummer zu befestigen, den Chip zur Zeitmessung an den Schuh zu klemmen und die Kabel der Kopfhörer zu entwirren, die für Unterhaltung während des Laufs sorgen sollten.
1 km: “Bloß nicht zu schnell angehen”, hatten mir Fachleute geraten. Das hätten sie sich allerdings schenken können. Schnell angehen kann man hier ohnehin nicht, denn es sind viel zu viele Läufer auf der Strecke. Eine Dame hat sogar ihren Hund dabei. Herren im besten Alter haben sich Gürtel umgeschnallt, die mich schmerzhaft an die Bundeswehr erinnern. Doch statt ABC-Tasche, Ersatzmagazin und Klappspaten hängen bei ihnen vielerlei kleine Fläschchen um die Hüfte. Ein sehr eifriger Läufer hat sogar Karteikarten in der Gesäßtasche. Was da wohl draufsteht? Linkes Bein vor, rechtes Bein vor? Oder der Streckenplan? Oder eine Abkürzung? Es bleibt ein Geheimnis. Ich suche mir stattdessen ein paar Läufer, an deren Tempo ich mich orientieren kann und gucke mir zwei Damen aus: Hinter(n) denen lässt es sich schön laufen.
3 km: Die erste Verpflegungsstation. Die Helfer werden die angebotenen Getränke und Bananen kaum los. Was soll das auch? Wer jetzt schon Verpflegung braucht, der ist hier wohl verkehrt.
5 km: Ein leichter Schmerz in der Hüfte macht sich bemerkbar. Ich kenne das Problem von meinen Strandläufen. Es lässt sich leicht beheben, indem ich einfach die Straßenseite wechsle.
6 km: Was überhaupt nicht eingeplant war: Eine Pinkelpause muss her. Ich lerne: Man sollte nicht versuchen, den gesamten vorauszusehenden Flüssigkeitsverlust schon beim Frühstück aufzufangen. Nach der Erledigung des Geschäfts lege ich einen Zwischenspurt ein; erstens, weil ich mich nach der Erleichterung viel besser fühle und zweitens, um den Anschluss an die Hintern wieder zu finden.
10 km: Die Hintern habe ich längst abgehängt. Auch der erste Berg erweist sich als lächerlich. Diese Läufer sollten erstmal den “Mount Lungenreißer” auf meiner Trainingsstrecke sehen!
13 km: Alles ist gut, es läuft sich wie von selbst. “Hip hip” ruft jemand im Kopfhörer – und ich nehme es mir zu Herzen. Nichts tut weh, seit der Pinkelpause hat mich niemand mehr überholt.
14 km: Mit einem Affenzahn rauscht eine ganze Horde junger Männer an mir vorbei. Sie kommen aus Friedberg und laufen so deprimierend schnell, dass ich schon die Polizei rufen will. Doch eine weitere Horde mit “Polizei Schweinfurt”-T-Shirts folgt erst nach einer ganzen Weile.
21 km: Halbzeit nach zwei Stunden und 10 Minuten. Ich liege gut in der Zeit. Mein Ziel war, dass am Ende eine Zeit unter fünf Stunden herauskommt. Ich habe also noch ein Polster von 40 Minuten. Nur die Durchsage im Stadion irritiert mich: “In etwa 20 Minuten erwarten wir hier den Sieger des diesjährigen Fulda-Marathons.”
28 km: Der erste Schweinehund. Es wird immer heißer, langsam spüre ich meine Beine. Das unebene Kopfsteinpflaster am Buttermarkt gibt mir beinahe den Rest. Ich verjage den Schweinehund und überhole lieber den Mann mit der schwarzen Hose vor mir.
30 km: Der Schweinehund hat gesiegt. Ausgerechnet vor der Winfriedschule beschließe ich, dass es heute eigentlich viel zu warm ist, um durch die Stadt zu rennen und verlege mich aufs Gehen. Hoffentlich bekommt mein alter Sportlehrer das nicht mit (er hieß auch noch Herr Schnell). Ich weiß, dass jetzt noch ein Berg mit einem Verpflegungsstand vor mir liegt, an dem ich ohnehin halten werde, und plane, bis dorthin eine Pause einzulegen.
31 km: Am Eisweiher habe ich das Tief überstanden und versuche mich wieder im Laufschritt. Die Muskeln sind allerdings reichlich verhärtet und melden Protest an. Richtig rund laufe ich jetzt nicht mehr. Aber ich laufe, immerhin.
34 km: Nachdem ich inzwischen ein ganzes Rudel weiterer Schweinehunde verjagt habe, ist Schluss. Es geht nicht mehr. Auch die tolle Musik im MP3-Player kann nun nicht mehr von den fatalen Gedanken ablenken: Wieso ist eigentlich den ganzen Sommer über Mistwetter und ausgerechnet heute solch eine Bullenhitze? Warum machst Du das eigentlich? Und wieso hast Du Depp auch noch allen davon erzählt? Wenn niemand davon wüsste, könntest Du jetzt einfach stehenbleiben und klammheimlich aussteigen, ohne Dich dafür schämen oder rechtfertigen zu müssen. Ich lerne: Nicht mehr so eine große Klappe haben.
35 km: Ich habe das unstillbare Bedürfnis, meine Schuhe auszuziehen und mich irgendwo hinzusetzen. Ich glaube längst nicht mehr daran, dass ich ins Ziel komme. Ohne dass ich es ahne, naht allerdings meine Rettung. Ein anderer Läufer hat mich eingeholt. Michael aus Heidelberg. Er läuft auch seinen ersten Marathon und hat ähnlich zu kämpfen. Wieso ich nicht erstmal mit einem Halbmarathon angefangen habe, will er wissen. “Das wäre keine Herausforderung”, sage ich ihm. Die selbe Antwort hatte ich all denen gegeben, die mich vor diesem Vorhaben gewarnt haben. Ich lerne: Sie hatten alle Recht. “Zusammen ziehen wir das jetzt durch”, beschließt der andere Michael trotzdem.
37 km: Gegenseitig muntern wir uns auf und reißen uns noch einmal am Riemen. Das 37-km-Schild am Maberzeller Sportplatz muss ich allerdings schon zum Stretching nutzen, da die linke Wade inzwischen bedenklich zwickt.
42 km: Endlich im Stadion. Die Tartanbahn ist im Vergleich zum knüppelharten Asphalt vorher eine Wohltat. Dafür ist es noch heißer. Der Fotograf will, dass ich auf der Zielgeraden die Arme hochreiße, doch mir ist nicht nach Jubel zumute. Freude, Stolz, Euphorie? Nichts. Bloß Erleichterung. Ich habe es einfach nur geschafft. Ich bin einfach nur geschafft. Nach fünf Stunden und acht Minuten bedanke ich mich bei Michael aus Heidelberg, ohne den ich nicht ins Ziel gekommen wäre. Dass heute auch mein Geburtstag ist, verschweige ich ihm. Noch nie war es mir so deutlich, dass ich um ein Jahr gealtert bin.
Der Tag danach: Kein Muskelkater, dafür aber Blasen an beiden Füßen. Auch die Knie schmerzen noch ein wenig. Ich lerne: Es war mein erster Marathon. Und mein letzter.

Hingehört: Wolfman feat. Pete Doherty – “For Lovers”

September 7, 2004 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

"For Lovers" ist ein großer Song, hinter dem ein großes Geheimnis steckt.

Künstler Wolfman featuring Peter Doherty
Single For Lovers
Label Rough Trade
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung ****1/2

Was war das wieder für eine Geschichte, wie spannend, wie durchgeknallt, wie geheimnisvoll! Der Wolfman sei aus altem Adel, vielleicht auch ein Schriftsteller, ein Totengräber oder bloß ein Drogendealer. Die wildesten Sagen rankten sich um den finsteren Typ.

Was nun wirklich sein Beitrag an diesen Songs ist, und wie viel er seinem Kumpel und enfant terrible der Libertines, Pete Doherty, schuldet, wird nicht klar. Autorenhinweise gibt es nicht. Doch die Vermutung liegt nahe, dass Pete diesen Stücken nicht nur seine unfassbar zerschossene Stimme geliehen hat. Die B-Seite Back From The Dead klingt wie ein lupenreines Libertines-Stück, euphorisch und überbordend, mit der typischen Stop-and-go-Dramaturgie. Carl Barât spielt auch mit.

Doch in erster Linie geht es hier natürlich um For Lovers. Ein Traum: dieser hauchzarte Beginn, noch etwas verschlafen, doch dank Schlagzeug und Streichern dann schon bald mit einer Dringlichkeit und Aufgewühltheit, die einem das Herz zerreißen mag. Auch das Video ein einziger Rausch. Pete auf einem Kinderkarussell und ganz am Schluss beim Versuch, sein Spiegelbild zu berühren: was für Bilder! Dazu dieser Text: nicht fatalistisch, bloß melancholisch. Wer auch immer der Wolfman nun sein mag: For Lovers ist ein Geniestreich.

Es ist bloß Melancholie: Das wunderhübsche Video zu For Lovers:

Die Libertines bei MySpace.

Interview mit Katarina Witt

September 6, 2004 · Posted in Interviews, Weltgeschehen · Comment 

Katarina Witt steht noch täglich auf dem Eis und trainiert. Foto: obs/Herblife International

Riesiger Andrang herrschte bei der Autogrammstunde von Katarina Witt im Kaufhaus Joh in Gelnhausen. Dort präsentierte die Eiskunstläuferin ihre eigene Modelinie der Firma “Lerros”. Nach dem Kontakt mit den Fans stand die 38-Jährige Rede und Antwort. Charmant, offen und mit ansteckend guter Laune präsentierte sich die zweifache Olympiasiegerin und sprach über ihren Geschäftssinn, Sportförderung und Ostalgie.

Frage: Eine Firma für Eislaufkleidung, eine Werbekampagne für Kosmetik, eine eigene Schmuckkollektion und nun die Modelinie – inwieweit sind Sie inzwischen Geschäftsfrau und inwieweit noch Sportlerin?

Witt: Ich bin sicher noch zu 80 Prozent Sportlerin. Um das Geschäftliche muss ich mich zwar auch kümmern, aber da habe ich auch gute Partner, die mir einen großen Teil der Arbeit abnehmen.

Frage: Betrachten Sie die Modekollektion überhaupt als Geschäft? Oder ist ihnen die Möglichkeit wichtig, kreativ zu sein? Der künstlerische Ausdruck war Ihnen ja auch beim Eislaufen immer sehr wichtig.

Witt: Es ist ja nicht so, dass ich mich hinsetze und die Sachen entwerfe. Dafür gibt es ein Designerteam, das das auch viel besser kann. Aber ich kann schon meine Ideen einbringen und freue mich auch, wenn ich einen Trend setzen kann. Und ich kann auch Stücke rauswerfen, wenn sie mir nicht gefallen.

Frage: Was sind die nächsten größeren Projekte, die Sie geplant haben?

Witt: Im Oktober werde ich in den USA ein bisschen bei NBC arbeiten und auch in der Show von Kurt Browning auftreten. Und im Dezember werden wir zwei Eis-Revues in Deutschland machen. Am 10. eine Show in Krefeld, die auch für das Fernsehen aufgezeichnet wird, und am 12. in Riesa.

Frage: Wie bereiten Sie sich bei diesem Terminkalender noch auf das Eislaufen vor?

Witt: Das kann man nicht einfach aus dem Ärmel schütteln, man muss ständig im Training sein. Auch im Winter bedeutet das: Täglich aufs Eis gehen und etwas für die Fitness machen. Zur Zeit trainiere ich drei bis vier Stunden pro Tag. Und die Stunden, die ich nicht mache, die spüre ich dann auch bei den Shows.

Frage: Sind Sie bei solch einem Trainingsprogramm froh, dass die Wettkampfzeit vorüber ist oder kommt bei Großveranstaltungen wie den Olympischen Spielen auch ein bisschen Wehmut auf?

Witt: Wehmut nicht, aber Erinnerungen. Natürlich waren die Winterspiele nicht so groß wie die im Sommer und im Olympischen Dorf ging es deshalb etwas familiärer zu. Ich war anderthalb Tage bei den Spielen in Athen und konnte sehr gut mit den Athleten mitfühlen – ob das nun Enttäuschungen waren oder Überraschungssieger. Ich fand es sehr spannend, so eine Veranstaltung einmal als Zuschauer zu verfolgen. Beim Weitsprung und beim 100-Meter-Finale der Männer war ich im Stadion. Und das Hammerwerfen habe ich inmitten des ungarischen Fanblocks erlebt. Da ist es natürlich doppelt empörend, wenn dann herauskommt, dass der Olympiasieger gedopt war. Das ist Betrug – und auch Betrug an den Fans.

Frage: Früher haben Sie sich intensiv für eine andere Sportförderung eingesetzt. Ist das schwächere Abschneiden der deutschen Athleten in Athen auch ein Beleg dafür, dass in diesem Punkt nicht alles ideal läuft?

Witt: Ich kenne mich mit dem aktuellen Sportfördersystem nicht mehr so genau aus. Außerdem gibt es nie eine Garantie für Erfolge, egal wie gut trainiert wird und wie gut die Rahmenbedingungen sind. Ich denke, dass jeder, der dorthin fährt, sich gründlich vorbereitet hat. Die haben sich alle geschunden für Olympia. Trotzdem muss man sich natürlich fragen, warum wir nicht mehr so erfolgreich sind, wie wir einmal waren. Wenn man Weltklasse sein will, muss man hundertprozentig alles dafür tun. Dann muss vielleicht auch die Schule hinten angestellt werden. Die Voraussetzungen, Talente zu fördern, müssen auch da sein. Deshalb denke ich, dass auch der Staat die Verpflichtung hat, Talente zu fördern. Denn welche Bedeutung der Sport für die Menschen hat, erkennt man doch, wenn man sich die Einschaltquoten von Olympia ansieht.

Frage: Einer der Autogrammjäger vorhin hatte ein T-Shirt mit dem Aufdruck “DDR” an. Geht die Ostalgie damit für sie zu weit?

Witt: Ich fand das lustig. Ich habe auch so ein T-Shirt. Als ich vergangenes Jahr damit zu “Goodbye Lenin” gegangen bin, haben alle gelacht. Ich finde die Ostalgie-Welle nicht schlimm. Ich habe auch die Sendung mit Oliver Geissen gemacht, weil ich das Gefühl hatte, dass Gesamtdeutschland da ein Interesse an der Geschichte der DDR entwickelt. Es war einfach schön, die alten Lieder noch einmal rauszukramen oder Ost-Süßigkeiten zu naschen. Ich habe zu dieser Zeit viel mit Freuden zusammengesessen, und oft hieß es: “Weißt Du noch?” Und zurückerinnern heißt noch lange nicht zurückwünschen.

Homepage von Katarina Witt.

Durchgelesen: Brady Udall – “Das wundersame Leben des Edgar Mint”

September 4, 2004 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 

Skurril und höchst unterhaltsam: "Das wundersame Leben des Edgar Mint".

Autor Brady Udall
Titel Das wundersame Leben des Edgar Mint
Verlag Goldmann
Erscheinungsjahr 2001
Bewertung ****

So wenig Mühe sich der Verlag mit der Gestaltung des Einbands gemacht hat, so richtig war die Idee, Brady Udalls Roman für die Taschenbuchausgabe einen anderen Titel zu geben. Was als Hardcover noch unter “Der Bierdosenbaum” firmierte, heißt nun “Das wundersame Leben des Edgar Mint”.

Das ist nicht nur die getreue Übersetzung des amerikanischen Originals, sondern schlicht und einfach der beste Titel, den man diesem Werk geben kann. Denn eine Lebensgeschichte ist dies ohne Zweifel und wundersam ist sie bei Gott.

“Dürfte ich nur eine einzige Begebenheit aus meinem Leben berichten, wählte ich diese: Ich war sieben Jahre alt, als der Postbote meinen Kopf überfuhr”, heißt ihr erster Satz, der schon Brady Udalls Stärken erahnen lässt. Er hat einen tollen Blick für das Skurrile, erzählt mit einer wunderbaren Beiläufigkeit und ist gerade deshalb so witzig, weil er es so wenig darauf anzulegen scheint.

Und so wird die Biografie des kleinen Edgars, dem nach seinem Unfall noch weitere Unglücke zustoßen und dessen Schreibmaschine sein treuester Begleiter wird, zu einem wunderbar kurzweiligem Vergnügen. Wer “Forrest Gump” mochte, kommt an “Edgar Mint” nicht vorbei.

Bei aller Leichtigkeit hat das Buch natürlich auch seine ernsten Momente, muss sich Edgar durch Verluste, Selbstzweifel und Glaubenskrisen quälen. Insbesondere eine überraschende Erkenntnis arbeitet Udall dabei immer wieder heraus: Dieselben Gedanken, die bei einem Kind für naiv gehalten werden, würde man bei einem Erwachsenen zynisch nennen.

Beste Stelle: “Was für ein Luxus, drei bis vier Stunden pro Tag auf meiner Hermes Jubilee herumhämmern und alles aufschreiben zu können. Ich tippte, weil ich froh war, weil ich nichts anderes zu tun hatte, weil ich glaubte, alles ein bisschen besser zu verstehen, wenn ich es zu Papier brachte und das Unbenannte in Worte fasste. Ich erfand Geschichten über meine Mutter in Kalifornien, die auf einem Strand unter Palmen lebte und täglich Briefe an die Polizei schrieb, um herauszufinden, wo ich steckte. Über Art, der entdeckte, dass alles nur ein Irrtum war, dass seine Frau und seine Töchter gar nicht tot waren, sondern als Nonnen getarnt in einem Kloster gelebt hatten. Über den Postboten, der mich überfahren hatte; täglich brachte er den Leuten Briefe und Päckchen und beichtete ihnen: ‘Ich bin ein schlechter Mensch, ich habe einen kleinen Jungen getötet.’ Ich tippte, weil das Tippen für mich den selben Zweck erfüllte wie Sprechen. Ich tippte, weil ich musste. Ich tippte, weil ich befürchtete, sonst zu verschwinden.”

Hingehört: The Prodigy – “Always Outnumbered, Never Outgunned”

September 4, 2004 · Posted in CD-Regal, Musik · 2 Comments 

The Prodigy beweisen: Nichts ist so alt wie die Tanzmusik von gestern.

Künstler The Prodigy
Album Always Outnumbered, Never Outgunned
Label XL Recordings
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung **

Sieben Jahre. Nur, um das mal zu verdeutlichen: Vor sieben Jahren war Helmut Kohl noch Bundeskanzler. Bei Bayern München spielte Ruggiero Rizzitelli, Jürgen Klinsmann war gerade zu Sampdoria Genua gewechselt. Robbie Williams war ein belächelter Boygroup-Veteran und Chumbawamba eine ganz große Nummer. So lange ist das schon her.

Vor sieben Jahren haben Prodigy ihr letztes Album veröffentlicht. The Fat Of The Land räumte damals groß ab, war Album des Jahres 1997 im Musikexpress und Chart-Spitzenreiter in 27 Ländern. Was war das für eine Monstermusik: Kracher wie Firestarter oder Breathe trieben Raver wie Punks auf die Tanzfläche, Smack My Bitch Up fand gar bei Hipstern, das etwas ältere Out Of Space auch bei Hippies Gefallen.

Doch wie lange sieben Jahre sind, mussten die einstigen Bosse des Big Beat schon im vorletzten Sommer erfahren, als ihre Single Baby’s Got A Temper zum Mega-Flop wurde. Glaubt man Prodigy-Chef Liam Howlett, hat das Fiasko seine Kampfeslust geweckt, Goldadern der Kreativität erschlossen und ihn wieder auf den Pfad der Tugend gebracht. Für das neue Album Always Outnumbered, Never Outgunned verspricht er, dass The Prodigy wieder zu sich selbst und zu Hochform zurückfinden. Von Inspiration war die Rede, von Innovation gar.

Nun liegt die Platte vor, und das Warten (wenn denn noch jemand gewartet hat) hat sich nur bedingt gelohnt. Bösartig könnte man sagen: Das einzig neue an Prodigy ist, dass sie plötzlich langweilig sind. Es ist eben nichts so alt wie die Tanzmusik von gestern. Insbesondere wenn sie bloß so aufgeblähten und überholten Electrosound liefert wie Memphis Belles, hohle Kraftmeierei wie Get Up Get Off oder Ethno-Quatsch wie Medusa’s Path.

Das Album hat aber auch seine Momente. Im Opener Spitfire sind die Beats mächtig wie nie, der Bass enorm garstig, der Gesang megafies. Zum Hotride laden der Gesang von Juliette Lewis und ein packender Rhythmus ein. Höhepunkt ist der Rausschmeißer Shoot Down mit reichlich Gitarren-Attacken und Liam Gallaghers famosestem Keifen.

Das energiestrotzende Action Radar tobt sich ganz putzig aus, The Way It Is ist zwar recht müde, hat aber immerhin noch die Chuzpe, Michael Jacksons Thriller zu sampeln.

Fazit? Prodigy tummeln sich noch immer schön im roten Bereich, nicht mal schlechter als früher. Nach sieben Jahren ist Always Outnumbered, Never Outgunned bloß ein bisschen outdated.

Fies wie nie: Der Clip zur Single Spitfire:

The Prodigy bei MySpace.