Durchgelesen: F. Scott Fitzgerald – “Der große Gatsby”

September 29, 2007 · Posted in Bücher, Bücherregal · 2 Comments 

 

Meisterhaft hinter einem Schleier: "Der große Gatsby".

Autor F. Scott Fitzgerald
Titel Der große Gatsby
Verlag Süddeutsche Bibliothek
Erscheinungsjahr 1925
Bewertung ****1/2

Natürlich ist dies, schon wieder, die Geschichte des American Dream. Und seines Scheiterns. Doch “Der große Gatsby” ist, von Anfang an, ein Roman mit doppeltem Boden.

Neben den Szenen vom schnellen Aufstieg und noch schnelleren Fall in den roaring Twenties ist dies auch eine subtile Liebesgeschichte, neben seinem Wert als Zeitdokument ist es unfassbar weise und treffend.

Eigentlich wirkt das Buch, als hätte es ein Nachgeborener geschrieben, kein Zeitgenosse. Jemand der schon wusste um den Zweiten Weltkrieg, um die Atombombe, um Carter, McCarthy und Vietnam.

Famos baut Fitzgerald seine Spannung auf, vieles bleibt zunächst schleierhaft, die Herkunft der Titelfigur ist dabei noch fragwürdiger als die Herkunft ihres Reichtums und die Beziehung, die sie zur verschollenen Jugendliebe Daisy hegt. Und doch ist der Leser gleich mittendrin. Ein paar Sätze reichen Fitzgerald stets, um eine treffende Charakterisierung zu entwerfen. Bei Gatsbys rauschenden Gartenfesten hört man die Jazz-Klänge, man schmeckt den Champagner und riecht den Duft von frisch geschorenem Rasen und edlen Zigarren.

Wie all dies zusammenbricht, ohne Erfüllung zu finden, ist famos geschrieben. Höhepunkt ist die todtraurige Beerdigungsszene, in der ein paar Seiten ausreichen, um die Blüte des Lebens und die Tragik des Scheiterns in all ihren Extremen zu zeigen.

Beste Stelle: “Er lächelte verständnisvoll – ja geradezu verständnissinnig. Es war ein Lächeln, das einen endgültig beruhigte und begütigte; ein Lächeln von jener seltenen Art, wie man es nur vier- oder fünfmal im Leben antrifft. Es umfasste – zumindest schien es so – für einen Augenblick die Welt als ein Ganzes und Ewiges, um sich dann mit grenzenloser Zuversicht dem Menschen zuzuwenden. Dieses Lächeln brachte einem gerade so viel Verständnis entgegen, wie man sich wünschte; es glaubte an einen, wie man selbst gern an sich glauben mochte, und es bestätigte einem genau den Eindruck, den man bestenfalls zu hoffen machen konnte.”

Interview mit Roland Koch

September 26, 2007 · Posted in Interviews, Weltgeschehen · Comment 
Roland Koch ist um die Koalition nicht bange. Foto: obs/Frankfurt Main Finance e.V.

Roland Koch ist um die Koalition nicht bange. Foto: obs/Frankfurt Main Finance e.V.

Ein bisschen hat der Termin Symbolcharakter. Roland Koch kommt gerade aus Berlin, wo der hessische Ministerpräsident den Dalai Lama zu Bundeskanzlerin Angela Merkel begleitet hat. Als nächstes steht ein Treffen mit seinem niedersächsischen Amtskollegen Christian Wulff an, bei dem es unter anderem um eine bessere Zusammenarbeit der Landespolizeien gehen wird. Und wenn er dazwischen Rede und Antwort steht, schwebt über all dem bereits die in knapp vier Monaten anstehende Landtagswahl, die dem CDU-Politiker eine dritte Amtszeit einbringen soll. Zwischen Welt-, Bundes- und Landespolitik hat sich Koch mittlerweile souverän eingerichtet.

Dass es nach dem Besuch des Dalai Lamas im Kanzleramt zu diplomatischen Verstimmungen mit China gekommen ist, bedeutet für Koch kein allzu gravierendes Problem. “Der Empfang war ein Signal an die chinesische Regierung. Wir zeigen, dass die Tibet-Frage auf der Tagesordnung steht, auch wenn Peking das Problem wegzudrücken versucht.” Die Beziehungen würden sich “nach dem üblichen Ritual” bald wieder normalisieren, erwartet Koch.

Dass Merkel das geistige Oberhaupt der Tibeter auch als Bundeskanzlerin empfängt, sei “ein gutes Beispiel für Gradlinigkeit und Prinzipientreue, die in außenpolitischen Fragen unter Kanzlerin Merkel glücklicherweise wieder etwas wert sind. Ich glaube, dass es uns Deutschen in aller Welt gut tut, so gesehen zu werden.”

Um die Bundesregierung ist Koch ebenso wenig bange wie um die Beziehungen zu China. Die große Koalition sei “wahrlich nicht auf einem schlechten Weg”. Föderalismusreform, erfolgreiche Haushaltskonsolidierung und Unternehmenssteuerreform seien einige ihrer Errungenschaften. Für den Rest der Legislaturperiode gehe es nun darum, sich nicht nur “irgendwie über Wasser zu halten, sondern weiter konstruktiv zu arbeiten; bei der Erbschaftssteuer versuche ich, dabei erneut einen Beitrag für einen guten Kompromiss zu leisten.”

Streit werde es dabei immer geben: “Die große Koalition kann sich über die prinzipielle Zukunft Deutschlands nicht einigen”, betont Koch. Dafür seien die Unterschiede zwischen Union und SPD weiterhin zu groß. “Dass diese beiden Blöcke nach wie vor als Pole der deutschen Politik wirken, ist ungemein wichtig und die riesige Chance der Demokratie in Deutschland”, sagt Koch.

Auch wenn verschiedene Differenzen die Koalition nach Aussagen aus beiden Lagern derzeit an einen Tiefpunkt gebracht haben, zweifelt Koch nicht an der Stabilität des schwarz-roten Bündnisses. Insbesondere die derzeit heftig diskutierte Problematik der inneren Sicherheit sei “nichts, was die Koalition in Frage stellt”. Dennoch wühlten Fragen nach Online-Durchsuchungen, einem Konvertiten-Register oder dem Abschuss von entführten Passagiermaschinen, die als Bomben eingesetzt werden könnten, die Menschen derzeit auf. “Und es ist richtig, dass wir diese Probleme ernst nehmen. Denn wir haben in Deutschland lange so getan, als finde die Bedrohung irgendwo anders auf der Welt statt.”

Spätestens das Beispiel der drei im Sauerland verhafteten potenziellen Attentäter habe gezeigt, dass auch aus deutschem Boden mittlerweile eine Terrorgefahr wachse, die international vernetzt sei und das Töten von möglichst vielen Menschen zum ausschließlichen Ziel habe. Auch Koch bewegt dieses Thema sichtlich. Seine ohnehin niemals ruhenden Hände ballt er zur Faust, wenn er von der “sehr, sehr realen Bedrohung jedes westlichen Landes” spricht, von der notwendigen Reaktionsfähigkeit des Staates und von der Enttarnung der Kommunikationswege als einziger Chance, Terroristen rechtzeitig aufzuspüren.

Der 49-Jährige, der sich sonst eher bedächtig äußert und beim kurzen Suchen nach einer Antwort gerne die Lippen spitzt, als schmecke er dem Aroma seines Tees nach, spricht bei diesem Thema deutlich schneller, fast im Stakkato. Er klopft auf den Tisch. Man merkt: Sicherheitspolitik ist nicht nur ein Steckenpferd des studierten Juristen. Er ist hier auch mit Herzblut dabei, mit Eifer.

Das gilt zweifelsohne auch für die Landespolitik, auch wenn Koch nach zuletzt viereinhalb Jahren Regierung mit absoluter Mehrheit mitunter wohl so sehr von einer Fortsetzung seiner Amtszeit ausgeht, dass seine Antworten manchmal schnippisch bis gelangweilt wirken. Als Ziel für die Hessenwahl im Januar gibt der Ministerpräsident aus, erneut mindestens die 1,3 Millionen Wähler zu mobilisieren, die der CDU 2002 ihre Stimme gegeben hatten. “Wie sich das dann relativ gewichtet, hängt von den Ergebnissen der anderen Parteien ab. Aber ich bin mir einer bürgerlichen Mehrheit in Hessen eigentlich sehr gewiss, weil wir eine sehr erfolgreiche Bilanz vorlegen können.”

Im Wahlkampf, den er mit dem aktuellen Regierungsteam bestreiten wird, will Koch auf den Dreiklang aus Sicherheit, Schule und Wirtschaft setzen. Insbesondere in der Schulpolitik erwartet er einen Grundsatzstreit mit der SPD und deren Forderung nach einer Einheitsschule. Recht unverhohlen umwirbt er den ehemaligen Koalitionspartner FDP, auch wenn die Liberalen zuletzt in der Opposition mitunter “nur von dem irrationalen Drang getrieben wurden, gegen alles zu sein”. Die Idee einer großen Koalition in Wiesbaden findet er hingegen “ulkig angesichts einer ganz nach links gegangenen SPD”.

Die Möglichkeit eines rot-rot-grünen Pakts hält er keineswegs für ausgeschlossen. “Die Linke kann in den Landtag kommen. Die Frage ist, ob die SPD dann wirklich die Kraft hat, auf die Regierung zu verzichten. Oder ob sie sich – auch um mich aus dem Amt zu bekommen – von so einer Partei tolerieren lässt.” Bei derart heiklen Themen schaut Koch während seiner Antworten gerne Regierungssprecher Dirk Metz an, als ob er sich selbst seiner Aussagen vergewissern und zugleich aus dessen Zügen ablesen will, wie weit er sich gerade vorwagen sollte.

Dieser Seitenblick erfolgt auch bei der Frage nach der Zukunft des ehemaligen Fuldaer Oberbürgermeisters Alois Rhiel, der nicht auf der CDU-Landesliste steht und höchstwahrscheinlich nur dann Wirtschaftsminister bleiben wird, wenn die CDU erneut die absolute Mehrheit erringt. “Ich habe ein hohes Interesse daran, dass er Wirtschaftsminister bleibt. Er ist ein echter Gewinn für die CDU, weil er ein lupenreiner Ordnungspolitiker ist. Von dieser Sorte gibt es nicht mehr viele in Deutschland. Ich bin stolz darauf, dass er mittlerweile bundesweit zu den profiliertesten Wirtschaftsministern zählt.”

Dass noch ein anderer ehemaliger Kollege aus Wiesbaden derzeit bundespolitisch für Schlagzeilen sorgt, irritiert Koch kaum. Die Debatte, die Verteidigungsminister Franz Josef Jung mit seinem Vorstoß zum Abschuss entführter Passagierflugzeuge entfacht hat, hält er für zwingend notwendig. “Ich möchte eine Gesellschaft haben, in der wir auch über die wirklichen Risiken durch den islamistischen Terrorismus transparent geredet haben. Eine solche Diskussion mag manchen beunruhigen, gerne würde man einen Bogen drumherum machen. Aber die Lage wird nicht weniger beunruhigend, wenn alle wissen, dass es das Problem gibt, und niemand spricht darüber.” Schicksalhafte Entscheidungen müssten letztlich immer Einzelne treffen. Doch dies sei einfacher, wenn die Gesellschaft vorher eine Debatte darüber geführt habe.

Homepage von Roland Koch.

Keine Sonderrolle

September 22, 2007 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · Comment 

In Deutschland hat ein Bewusstseinswandel eingesetzt. Zumindest, wenn es um die Ernährung geht, kann von “Geiz ist geil” keine Rede mehr sein. Das belegen Studien von Marktforschern ebenso wie aktuelle Umfragen. Immer mehr Verbraucher stellen sich die Frage, was ihnen gute und gesunde Lebensmittel wert sein sollten. Die jüngsten Gammelfleisch-Skandale haben zweifelsohne dazu beigetragen. Auch die Proteste deutscher Bauern haben Wirkung gezeigt – nicht nur bei der Mentalität der Kunden, sondern auch bei den Preisen.

Die Klagen des Bauernverbands sind verständlich. Landwirtschaft ist nach wie vor kein leichtes Geschäft. Das zeigt sich auch daran, wie schwierig es für viele Bauern ist, einen Nachfolger zu finden, der ihren Hof übernimmt. Lange Arbeitszeiten, hohe Belastung und praktisch kein Urlaub – so sieht der Alltag aus. Die Erlöse sind bei all der Mühe weiterhin bescheiden. Steigende Preise für Energie und Futtermittel fressen in einigen Bereichen, etwa in der Ferkelwirtschaft, sogar die Gewinne vollends auf. Kein Wunder, dass die Bauern da Nachschlag fordern, um profitabel produzieren zu können.

Das Problem ist nur: In anderen Branchen fragt auch niemand, ob die Preise für das Produkt die Kosten für dessen Erzeugung in Deutschland decken. Die Hersteller von Spielzeug, Reisebussen oder – ganz aktuell – Farbkopierern können auch nicht einfach die Kunden zwingen, ihre Ware zu einem höheren Preis zu kaufen, weil sie sonst keinen Gewinn machen würden. Den Preis bestimmen Angebot und Nachfrage. Und wenn es in Deutschland nicht möglich ist, zu Marktpreisen Eier, Milch oder Schweinefleisch zu produzieren, dann können die Betriebe eben nicht überleben. Das ist sicherlich traurig. Aber so funktioniert die Marktwirtschaft. Und jeder, der das Sterben der Bauernhöfe beklagt, sollte sich beim nächsten Einkauf fragen, wie viel er mit preisbewusstem Verhalten selbst dazu beigetragen hat.

Es kann nicht angehen, dass tausende deutsche Arbeitsplätze quer durch alle Erwerbszweige ins Ausland verlagert werden, die Bauern wegen ihrer angeblichen kulturellen Ausnahmestellung und ihrer Funktion für die Landschaftspflege aber auf alle Zeiten eine Sonderrolle beanspruchen – zumal sie bereits mit Riesensummen unterstützt werden. Rund 40 Milliarden Euro an Steuergeldern – das sind annähernd 40 Prozent des gesamten EU-Haushalts – gibt Brüssel pro Jahr aus, um Produkte zu subventionieren, die anderswo deutlich günstiger hergestellt werden könnten. Zugleich stellen diese Subventionen praktisch eine Marktabschottung dar und verhindern, dass Erzeuger beispielsweise in Asien und Afrika eine faire Chance bekommen, Kunden in der EU ihre Waren günstig anzubieten. Das ist eine doppelt unsinnige Strategie auf Kosten der Dritten Welt und auf Kosten der europäischen Verbraucher.

Die einzigen Profiteure sind die Bauern. Sie müssen sich weiterhin nicht um echte Weltmarktpreise scheren und benutzen derzeit ihre Lobby, um auf Kosten ihrer Kunden aus der Misere zu kommen. Doch auch bei ihnen muss die Globalisierung endlich ankommen. Sonst zahlt der Verbraucher die Zeche.

Hingehört: The Enemy – “We’ll Live And Die In These Towns”

September 19, 2007 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

"We'll Live And Die In These Towns"? Von wegen! The Enemy brechen aus, mit Siebenmeilenstiefeln.

Künstler The Enemy
Album We’ll Live And Die In These Towns
Label Warner
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung ***1/2

Die Stadt von der sie reden, ist Coventry. “Es gibt hier überhaupt nichts, was man machen kann”, sagt Tom Clarke, Sänger und Gitarrist von The Enemy über die einstige Hochburg der britischen Autoindustrie. Die Band hasst diese Stadt, und doch hat sie ihren Einwohnern ihr Debütalbum gewidmet.

Es heißt We’ll Live And Die In These Towns. Dass im Titel nicht mehr von Coventry, sondern von irgendwelchen Städten die Rede ist und nicht mehr von drei Jungs, sondern von uns allen, hat durchaus seine Bedeutung. Denn The Enemy singen hier das Lied vom Leid an festgefahrenen Bahnen, von zu wenig Chancen, vom Tod der Fantasie.

Es ist ein Lied, das man in vielen Städten der westlichen Welt erkennen wird. Und sie singen es großartig. Vor allem im Titelsong erinnert das an die grandiosen The Jam, auch wenn die Erkenntnis, dass arme Jungspunde in Britannien auch nach zehn Jahren New Labour noch wenig Perspektiven sehen, ein wenig traurig macht.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Hier wird nicht Trübsal geblasen. Aus der Lethargie und Enge brechen The Enemy vielmehr aus, in Siebenmeilenstiefeln, auf Shoppern und mit Raumschiffen, die alle den gleichen Treibstoff haben: Hits. Gleich der Opener Aggro ist ein Weckruf. 40 Days And 40 Nights springt mitten ins Gesicht. Der unerbittliche Wirbelsturm namens Pressure lässt Muse wie Chorknaben aussehen. Had Enough ist zupackend und schlau.

This Song klingt wie Arcade Fire, würden die sich mit Bier dopen statt mit Messwein. Und im umwerfenden You’re Not Alone steckt genug Euphorie, um einen Todeszellen-Kandidaten zum Tanzen und Hüpfen und Grinsen zu bringen. Und dann natülich zum Heulen, wenn er merkt, dass er all diesen Spaß bald nicht mehr haben wird.

Er halte nicht viel von Karriere und Beförderungen, singt Tom Clarke im unwiderstehlichen Away From Here. Da sollte er noch einmal umdenken: Der Song erreichte in den UK-Charts bereits die Top 10. Und bei so viel Talent wird es zwangsläufig noch weiter aufwärts gehen.

Zum ersten Mal im Fernsehen, und gleicht sieht es aus wie im Beat Club: The Enemy spielen Away From Here in Transmission (und die dämliche Ansage kann man getrost ignorieren):

The Enemy bei MySpace.

Leben auf Pump

September 14, 2007 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · Comment 

Die Wirtschaft scheint verrückt zu spielen. Obwohl die Hurrikan-Saison bisher eher ruhig verlief und die Opec-Staaten gerade die Förderquote erhöht haben, übersteigt der Ölpreis erstmals die 80-Dollar-Marke. Auch der Euro eilt von Rekord zu Rekord.

Die Notenbanken fahren einen Schlingerkurs: Weder Ben Bernanke in den USA noch Jean-Claude Trichet in Europa wollen sich bei der Zinspolitik in die Karten schauen lassen. Zugleich versuchen sie verzweifelt, mit Geldspritzen die Finanzmärkte zu beruhigen. Wohlwollend könnte man davon sprechen, dass die Märkte derzeit sehr nervös reagieren. Kritischere Betrachter werden ein anderes Wort dafür finden: Panik.

Die bangen Blicke von Anlegern und Spekulanten richten sich vor allem auf die USA. Dort zeigt sich mehr und mehr, wie heikel das System des Lebens auf Pump ist. Das gilt für die amerikanischen Privathaushalte, die sich Autos, Möbel oder Urlaubsreisen oftmals durch eine Hypothek auf ihr Eigenheim finanziert haben – das nun mitunter deutlich an Wert verliert. Die Einkommensentwicklung hat mit den Immobilienpreisen bei weitem nicht Schritt gehalten. Wenn die Zinsen steigen, können deshalb viele Hausbesitzer ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen. Und die Banken bleiben auf wertlosen Sicherheiten sitzen.

Ein Leben auf Pump führt aber auch das gesamte Land: Die USA schieben ein riesiges Leistungsbilanzdefizit vor sich her. Investitionen der öffentlichen Hand sind teilweise nur noch möglich, weil Länder wie China ihre gewaltigen Devisenüberschüsse in US-Staatsanleihen anlegen.

Das Platzen der Hypothekenblase hat gezeigt, wie sensibel die Märkte inzwischen reagieren und wie eng sie verzahnt sind. Das sollte auch in Deutschland aufhorchen lassen. Denn globalisierte Investitionen können leicht einen Domino-Effekt auslösen, der auch hierzulande schwerwiegende Folgen haben könnte.

Hier ist die Politik gefragt. Beinahe zu spät hat insbesondere die Bundesregierung dies erkannt. Dass Angela Merkel nun mehr Transparenz auf den Finanzmärkten fordert, ist dringend notwendig. Denn die Konjunktur im Land des Exportweltmeisters ist besonders anfällig für Schwankungen beim Ölpreis oder Eurokurs. Wer das Land regieren will, darf es nicht zulassen, dass Spekulanten hier unbehelligt an der Preisschraube drehen.

Vor allem aber müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, um Heuschrecken in die Schranken zu weisen. Kaum jemand überblickt noch, welche Milliarden sie wo angelegt haben, was davon strategisches Investment und was bereits längst verbranntes Geld ist. Dass diese Hedge-Fonds in Deutschland mit Billig-Krediten gleich dutzendweise Firmen aufkaufen, die zum Teil strategische Bedeutung haben, kann nicht angehen. Denn sonst ist eines sicher: Wenn die nächste Blase platzt, wird das Massensterben nicht nur die Heuschrecken erfassen – sondern auch deutsche Arbeitsplätze.

Hingehört: Lily Allen – “Alright, Still”

September 11, 2007 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

"Alright Still" ist das beste aller Argumente für Multikulti.

Künstler Lily Allen
Album Alright, Still
Label Parlophone
Erscheinungsjahr 2006
Bewertung ****1/2

Vielleicht gibt es kein besseres Argument für das Konzept “Multikulti” als diese Platte. Ganz viel Karibik steckt hier drin, ganz viel Hollywood, und jede Menge London. Und alles, alles überzeugt dabei.

Lily Allen, verwöhntes Kind eines halbwegs prominenten Schauspielers und einer Filmproduzentin, vereint nicht nur Ballkleider mit Turnschuhen. Sie vereint alles, was spannend ist an Pop. Und jeder, der die Idee “Pop” schätzt, muss sie lieben.

Natürlich liegt das in erster Linie an Smile. Der Überhit zum Auftakt hat die unbändige Lebensfreude und die unwiderstehliche Eingängigkeit eines Kinderliedes, ohne jemals eindimensional zu werden. Und es geht so weiter: Knock ‘Em Out ist Privatschul-schlau, Grime-aggressiv und Zicken-bitchy, und es kann wohl nur in London gelingen, als kleines weißes Mädchen einen so überzeugenden Reggae-Song zu singen. Der gottverdammte Hit Ldn (ha! da ist es wieder) strahlt mit all seiner Leichtigkeit schließlich heller als die Sonne und grinst breiter als Ronaldinho.

Everything’s Just Wonderful hat mehr Schmiss, Sex und Klasse als alles von den Pussycat Dolls, Not Big bringt die Diskrepanz zwischen zuckersüßem Refrain und bitterbösem Text gekonnt zu einem Höhepunkt (wenn auch einem vorzeitigen, wie man in einem Lied vermuten muss, dass dem Ex mangelnde Qualitäten im Bett attestiert). Littlest Things ist so süß, dass man die kleine Lily in den Arm nehmen will, doch das enorm souveräne und lässige Shame On You lässt erahnen, dass das keine gute Idee wäre. Bestimmt hat sie Stacheln, definitiv hat sie Krallen.

Zum Schluss gibt es noch zwei ganz große Lieder: Take What You Take ist die Sorte schlauer Pop-Kracher, nach dem sich Robbie Williams inzwischen die Finger lecken würde. Und der irre Rausschmeißer Alfie schafft es, Holzblasinstrumente mit Billig-Casios zu vereinen, und einen Teletubbie-Bubblegum-Sound zum Rocken zu bringen. Der Hammer.

Sehr niedlich und ziemlich irre: Jemand hat sich die Mühe gemacht, das Video zu Smile mit den Sims-Figuren (und in deren Sprache) nachzustellen:

Lily Allen bei MySpace.

Vor der Haustür

September 6, 2007 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · Comment 

Die Einschläge rücken näher: New York, Madrid, London, Köln. Jetzt steht die Terrorgefahr vor der Haustür: Unmittelbar an der Grenze zu Hessen bauten Fanatiker an einer Bombe mit mörderischer Sprengkraft. Sie hatten unter anderem Ziele in Frankfurt und Hanau im Visier. Wäre ihr perfider Plan aufgegangen, hätten sie ein Blutbad angerichtet.

Noch etwas anderes macht Sorge: Die nun Verhafteten sind keine Amateure wie die, deren Bombe vor gut einem Jahr in einem Regionalzug nicht explodierte. Es sind Profis, gedrillt in Pakistan, ausgestattet mit modernster Technik. Und zwei von ihnen sind Deutsche. Bei Terror-Experten lässt dies die Alarmglocken gleich zweimal schrillen: Denn die Sicherheitskräfte müssen nun nicht mehr nur die Gefahr von außen im Blick haben, sondern auch den Feind im Innern. Dazu kommt, dass Konvertiten als besonders radikal und fanatisch gelten.

Die Tatsache, dass zwei der verhinderten Massenmörder in Deutschland aufgewachsen und sozialisiert worden sind, zeigt aber noch mehr. Zum einen, dass der Krieg gegen den Terror keineswegs ein Kampf gegen Fremde ist. Zum anderen, dass es den Attentätern schon lange nicht mehr um Details geht wie beispielsweise eine deutsche Beteiligung an Militäreinsätzen im Irak oder in Afghanistan. Deutschland rückt in ihr Visier, weil es zum Westen gehört.

Wer nun noch schärfere Sicherheitsmaßnahmen fordert, hat nichts verstanden. Wenn ein Mensch so viel Hass empfindet, dass er sich selbst in die Luft sprengt, ist das ein Schrei der Empörung. Der Westen darf sich deshalb nicht bloß die Ohren zuhalten. Er muss nach den Motiven der Terroristen fragen. Diese Menschen fühlen sich bevormundet, unterdrückt, zutiefst ungerecht behandelt. Natürlich rechtfertigt das keine Gewalt, und natürlich muss der Westen die Unversehrtheit seiner Bürger schützen. Aber die Lösung kann nicht lauten, sich abzuschotten.

Unser Kulturkreis muss sich in einigen Punkten den Spiegel vorhalten lassen – etwa bei seiner Konsum-Fixiertheit, der Vernachlässigung von Familien und dem schlichten Fakt, dass viele Menschen hier nicht anerkennen, dass sie einfach bloß Glück gehabt haben, im angenehmeren Teil der Welt geboren zu sein. Der Westen muss, so schwer das angesichts der Radikalisierung auch fallen mag, dem Islam die Hand reichen. Er muss auf seine eigenen Stärken vertrauen, auf die Errungenschaften der Aufklärung. Denn nur ein toleranter, humaner und gerechter Umgang miteinander wird auf lange Sicht den brennenden Hass der Attentäter löschen können.

Hingehört: Jacqui Naylor – “The Color Five”

September 2, 2007 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Man ahnt es nicht. Aber Jacqui Naylor entpuppt sich auf "The Color Five" als Zerstörerin.

Künstler Jacqui Naylor
Album The Color Five
Label California Sunset Records
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung ***

Vom Plattencover schaut Jacqui Naylor wie das nette Nachbarsmädel. Als könnte sie keiner Fliege etwas zu Leide tun. Doch sie ist eine Zerstörerin. Sie zelebriert “the art of smashing jazz”, wie ihre Plattenfirma ganz richtig behauptet. Das bedeutet: Sie singt Jazzstandard-Texte zu den Melodien von Rockklassikern – und umgekehrt. Und das ist höchst spannend.

Das totgenudelte Summertime bekommt so durch eine Prise Allman Brothers tatsächlich noch eine neue Facette. Und U2s I Still Haven’t Found What I’m Looking For hat hier plötzlich eine Ungeduld, wie sie Bono wahrscheinlich nur noch erkennen lässt, wenn er mal wieder eine halbe Stunde auf Umar Hasan Ahmad al-Baschir (das ist das Staatsoberhaupt von Sudan, unpolitisches Pack!) warten muss. Auch die Eigenkompositionen überzeugen: Easy Ride From Here ist extrem elegant, History Of Love bekommt eine Latin-Leichtigkeit.

Am stärksten ist die Dame aus San Francisco jedoch, wenn sie mit den Geschlechterrollen spielt. Was sie aus Rod Stewarts Hot Legs (angereichert um Herbie Hancocks Cantaloupe Island) macht, ist eine Offenbarung und dürfte jedem gaffenden Macho mehr zu denken geben als so manche Ohrfeige oder das berühmte Glas Wasser ins Gesicht. Und ein paar Gene aus Lee Morgans Sidewinter-DNA machen aus Lola von den Kinks einen irren Trip. REMs Losing My Religion bekommt eine derart bedrückende Schwere, dass es kaum zu erkennen ist. Eine Entdeckung.

Eine Slideshow zum runderneuerten Losing My Religion:

Jacqui Naylor bei MySpace.

Hingehört: The Moonbabies – “At The Ballroom”

September 1, 2007 · Posted in CD-Regal, Musik · 1 Comment 

Darf ich bitten? "At The Ballroom" ist eine sehr gelungene Einladung der Moonbabies.

Künstler Moonbabies
Album At The Ballroom
Label V2
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung ***1/2

At The Ballroom heißt das dritte Album der Moonbabies. Und das muss ein fantastischer Ballsaal sein: Ein paar Ecken sind mit romantischem Kerzenlicht erleuchtet, in anderen flackern kaputte Neon-Strahler. Der Boden wechselt von altem Parkett zu kalten Fliesen und brüchigem Asphalt mit abgestandenen Pfützen.

Die meisten Gäste dürften elegante Abendgarderobe tragen, manche auch spacige Polyester-Outfits – und wenn man unter die Abendkleider schaut, wird man bei dem einen oder anderen bestimmt Turnschuhe entdecken. Denn die Schweden Carina Johansson und Ola Frick, die seit acht Jahren zusammen als Moonbabies Musik machen, lieben es, Gegensätze zu vereinen.

Das Duo schwelgt in klassischem Pop (War On Sound), hat aber auch ein nicht zu leugnendes Faible für Elektronik (Don’t Ya Know?). Das alles ist höchst sympathisch, mit bezaubernden Stimmen und betörenden Melodien – und bei aller Vielfalt doch wie aus einem Guss. Am stärksten sind die Moonbabies, wenn sie den ganz großen Wurf wagen wie in Cocobelle mitsamt Orchester oder Shout It Out, das an einen verlorenen Motown-Song denken lässt.

Alle, die die Mitte zwischen Belle & Sebastian und Arcade Fire suchen oder die kanadischen Stars mögen, sind hier genau richtig.

Im Clip zu Take Me To The Ballroom steckt so viel Atmosphäre, dass man sie auch ohne zu sehen wahrnimmt:

Die Moonbabies bei MySpace.