Chancen verbaut


Neue Männer braucht das Land. Der Slogan, den Ina Deter vor fast 25 Jahren in die Republik posaunte, ist wieder aktuell. Jugendforscher Klaus Hurrelmann hat das starke Geschlecht als neue Problemgruppe im an Sorgenkindern ohnehin nicht gerade armen deutschen Bildungssystem entdeckt.

Eine Erklärung ist nicht allzu schwer: Gruppenzwänge, die Forderung, cool zu sein, der Druck, sich keine Schwäche anmerken zu lassen – all dies wirkt auf Jungen viel stärker als auf Mädchen. Wenn Probleme auftauchen, scheuen sich Jungen deshalb viel häufiger, Hilfe zu suchen. Das Ergebnis kann eine gefährliche Eigendynamik sein – die weltweiten Amokläufe von Littleton bis Emsdetten sind nur die extremste Ausprägung dieses Phänomens.

Hurrelmann hat zum Teil auch schon Antworten parat. Mehr männliche Lehrer und Erzieher sind unbedingt notwendig. Dass auch Jungen – gerade in der Schule – Ansprechpartner und Identifikationsfiguren des eigenen Geschlechts brauchen, sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Doch in drei von vier Fällen steht in Deutschland eine Frau an der Tafel.

Die Mädchen haben in den vergangenen Jahrzehnten vorgemacht, wie effektiv und befreiend das Aufbrechen klassischer Rollenmuster sein kann. Wenn eine Schulabgängerin heute gerne lernen möchte, wie man Autos repariert oder Computer programmiert, löst das längst eher Be- als Verwunderung aus. Doch ein junger Mann als Kindergärtner oder Kosmetiker? Das können sich die meisten noch immer nicht vorstellen. Während sich das schöne Geschlecht im Zuge seiner Emanzipation neu erfunden hat, haben die Männer geschlafen und sich damit selber Chancen verbaut – nicht nur auf dem Arbeitsmarkt.

Möglichkeiten werden den Schülern aber auch andernorts geraubt. Geschlechtsspezifische Vorurteile haben nämlich auch viele Arbeitgeber, und Unternehmensstrukturen sind oft ähnlich unmodern wie die überholten Vorstellungen von der Rollenverteilung zwischen Mann und Frau. Es verwundert nicht, dass angesichts solcher Umstände nicht alle Schüler daran glauben, dass ein Umdenken für sie wirklich vorteilhaft wäre. Sie verharren dann in den Mustern, die ihnen die eigene Familie oder die Gesellschaft in vielen anderen Bereichen vorlebt.

Es ist wie so oft: Der Nachwuchs braucht Ziele und Vorbilder. Er braucht aber auch den Willen und das Wissen, um an sie heranzukommen. Und er braucht die Hoffnung, dass sich die Arbeit, die Schüler in ihre eigene Ausbildung stecken sollen, später auch auszahlt – indem qualifizierte Schulabgänger auch qualifizierte Ausbildungs- und Arbeitsplätze finden, in denen sich moderne Geschlechterbilder auch verwirklichen lassen. Neue Männer können dabei nur der Anfang sein.

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