Durchgelesen: William S. Burroughs – „Junkie“


"Junkie" ist ein Roman - und ein Handbuch für Drogenabhängige.

Autor William S. Burroughs
Titel Junkie
Verlag Zweitausendeins
Erscheinungsjahr 1953
Bewertung ***1/2

Dieser Erfahrungsbericht eines Drogenabhängigen ist eigentlich kein Roman, sondern ein Sachbuch. Oder aber: ein „Höllenbuch“, wie es „Der Spiegel“ genannt hat. Manchmal auch: eine Gebrauchsanweisung für alle, die nach Stoff suchen, die von ihrer Sucht wegkommen wollen, die Drogen brauchen, aber kein Geld dafür haben.

Es gibt hier reichlich Tipps für den richtigen Gebrauch, für die besten Verstecke, die wirkungsvollsten Rezepturen und den effektivsten Entzug; und es ist die unzweifelhafte Authentizität, mit der Burroughs (zunächst unter dem Synonym Wiliam Lee) von all diesen Ungeheuerlichkeiten berichtet, die „Junkie“ so eindringlich macht und das Buch – gemeinsam mit dem hier durchaus vorhandenen Humor und Sarkasmus – davor bewahrt, die Szene, die Drogen oder den Rausch zu mystifizieren.

Die Abwesenheit eines Plots und die prinzipielle Gesichtslosigkeit der Charaktere (selbst die Frau des Erzählers bleibt eigentlich bloß ein Werkzeug, so weit entfernt, dass man bei der Lektüre mitunter sogar vergessen kann, dass es sie überhaupt gibt, und dann überrascht ist, wenn sie wieder auftaucht – oder vielmehr: noch da ist) ist die zwangsläufige Form dafür, denn dieses Buch kennt nur eine Hauptfigur: die Droge. „Junk nimmt einem alles und gibt einem dafür nichts weiter als die vorläufige Garantie, dass man von den Qualen des Entzugs verschont bleibt“, erkennt der Erzähler gegen Ende, in einem Moment seltener Klarheit.

Es ist neben dem Faktenreichtum aus erster Hand, dem nichts beschönigenden Einblick in die Subkultur der Süchtigen, diese Selbstreflexion, dieses Erklären, das „Junkie“ wirklich wertvoll macht. Wenn Burroughs versucht, die Motivation für den Fix zu erklären, das Irrationale, dessen Destruktivität ihm völlig bewusst ist, ergeht er sich zwar gelegentlich in pseudo-wissenschaftlichen Gedankenspielen voller kruder Biologie (im Vorwort ist die Sucht für ihn ein „Leiden des Nervensystems, des Fleisches, der Eingeweide und der Zellen“).

Dafür erklärt er die Psychologie der Sucht umso klarer, ihre Motivation, oder vielmehr: das Gegenteil davon: „Man greift zur Droge und wird süchtig, weil man nichts hat, was einen motiviert, etwas anderes zu tun.“

Beste Stelle: „Es kann sein, dass regelmäßiger Genuss von Gras den Geist angreift; es kann aber auch sein, dass Kiffer von Natur aus blöde sind.“

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