Draufgeschaut: Gegen die Wand


Aus der Scheinehe von Cahit (Birol Ünel) und Sibel (Sibel Kikelli) wird eine spannende Beziehung.

Aus der Scheinehe von Cahit (Birol Ünel) und Sibel (Sibel Kikelli) wird eine spannende Beziehung.

Film Gegen die Wand
Produktionsland Deutschland, Türkei
Jahr 2004
Spielzeit 116 Minuten
Regie Fatih Akin
Hauptdarsteller Birol Ünel, Sibel Kekilli, Catrin Striebeck, Güven Kıraç, Mehmet Kurtulus, Stefan Gebelhoff, Meltem Cumbul
Bewertung

Worum geht’s?

Cahit ist depressiv. Seit seine Frau tot ist, trinkt er und kennt nur noch Hass auf das Leben. Sibel hat eine Abtreibung hinter sich, weil sie Angst davor hatte, ihren strengen türkischen Eltern von ihrer Schwangerschaft zu erzählen. Beide sind gerade mit einem Selbstmordversuch gescheitert und lernen sich nun in einer psychiatrischen Klinik kennen. Sibel hat eine Idee: Sie will Cahit dazu bringen, sie zu heiraten, bloß pro forma, damit sie endlich zuhause ausziehen und ein selbstbestimmtes Leben führen kann. Cahit will zunächst nichts von der jungen Nervensäge und ihrer Idee wissen, beschließt dann aber doch, Sibel zu helfen. Sie gehen eine Scheinehe ein und wohnen fortan zusammen. Das birgt allerdings einige Schwierigkeiten, zu denen längst nicht nur Sibels misstrauische Familie gehört.

Das sagt shitesite:

Man könnte die Verschiebung, ja geradezu die Umpolung als das wichtigste Motiv in Gegen die Wand bezeichnen, und zwar auf gleich vier Ebenen.

Die erste ist das Temperament: Zu Beginn ist Cahit gefährlich und cholerisch, aber bei seinem Blick auf das Leben passiv, kaputt, verbraucht. Seit seine Frau gestorben ist, besteht sein Leben aus Dosenbier, Flüchen und Sex, der eher nach Vergeltung aussieht als nach Verschmelzung. Sibel hingegen ist der personifizierte Hunger auf Leben. „Ich will leben, ich will tanzen, ich will ficken. Und nicht nur mit einem Typen“, umschreibt sie ihr Credo. Sie will alles entdecken und ausprobieren; er glaubt, das Leben habe ihm nichts mehr zu bieten.

Die zweite Ebene ist die Beziehung der beiden: Als sie sich in der Psychiatrie treffen, haben Cahit und Sibel nichts gemeinsam als ihren Hintergrund als Deutsch-Türken. Beide sind überzeugt, sich lediglich auf eine Scheinehe, eine Zweck- und Wohngemeinschaft einzulassen. Doch dann wird Sibel zur Hoffnung für Cahit, während er zunächst nur ein Alibi für sie bleibt. Genau aus dieser Diskrepanz entsteht der Ansporn, nach dem wahren Kern dieser Beziehung zu forschen und zu erkennen: Seiner Verbitterung und ihrem Ungestüm stehen Gefühle im Weg, die beide nicht wahr haben wollen. Daraus erwächst eine Beziehung, deren emotionale Kraft stark genug ist, um Gefängnis, Gewalt und Kontinente zu überwinden.

Als dritte Umpolung lässt sich das Wunschbild dieser Beziehung, sogar der Lebensentwurf beobachten. Cahit gefällt sich erst als einsamer Wolf, am Ende von Gegen die Wand personifiziert er aber die klassische Romantik. Sibel beschwört zunächst die Unverbindlichkeit des Amourösen, am Ende ist sie zu Grausamkeiten fähig wie der Versuchung, ihr beschauliches Leben in Istanbul für eine Nacht mit Cahit aufs Spiel zu setzen, vielleicht sogar ihren Ehemann oder gar ihre Tochter zu verlassen – und sie weiß, wie grausam diese Gedanken sind.

Schließlich nimmt auch im Hinblick auf die Schauspieler in Gegen die Wand eine spannende Verschiebung ihren Lauf: Binol Ünel ist zu Beginn ein Unsympath und man möchte ihm permanent in Erinnerung rufen, dass Tiefgang mehr bedeutet als ungewaschene Haare und ein Hang zu lauter Musik. Dann erfüllt er seine Rolle aber mit einer Ernsthaftigkeit und Intensität, die mehr als beeindruckend ist. Sibel Kikellis erste Szenen in diesem Film sind in ihrer Naivität und betonten Jugendlichkeit ebenfalls verwirrend, doch ihre Leistung mündet in einer erstaunlichen Brüchigkeit und Leidenschaft.

Das führt zur Frage, ob das Prinzip der Umpolung auch für die Frage der Heimat gelten kann, die im Zusammenhang mit Gegen die Wand fast ebenso eifrig diskutiert wurde wie die Pornofilm-Jugendsünden von Sibel Kikelli. Wo sind diese Deutschtürken zuhause? Was macht sie aus, wo sind sie deutsch, wo sind sie türkisch? Der Film lässt diese Frage – man muss sagen: Gott sei Dank – unbeantwortet. Es gibt derbe Sprache, derben Sex und derbe Bilder (Fotos werden verbrannt und beschossen, wilde Musik östlicher und westlicher Prägung spielt eine wichtige Rolle, dazu kommen reichlich Blut und Nacktheit), aber das wird weder als deutsche noch als türkische Eigenheit inszeniert. Cahit und Sibel benutzen Türken-Klischees mit großer Unbefangenheit, wenn es ihnen passt, und sie pfeifen auf die Tradition, wenn sie ihrer Unabhängigkeit im Weg steht. Auf der kulturellen Ebene gibt es keine Verschiebung: Beide bleiben auf der Suche nach ihrer Identität. Das ist keineswegs ein Manko, sondern ein Beleg für die Tatsache, dass Gegen die Wand kein Film über Migration und Multikulti ist, sondern ein Film über die Liebe.

Bestes Zitat:

„Wenn Sie Ihr Leben beenden wollen, dann beenden Sie doch Ihr Leben. Aber dafür müssen Sie doch nicht sterben.“

Der Trailer zum Film:

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