Draufgeschaut: Homevideo


Jakob (Jonas Nay) wird von seinen eigenen Freunden erpresst.

Jakob (Jonas Nay) wird von seinen eigenen Freunden erpresst.

Film Homevideo
Produktionsland Deutschland
Jahr 2011
Spielzeit 89 Minuten
Regie Kilian Riedhof
Hauptdarsteller Jonas Nay, Wotan Wilke Möhring, Nicole Marischka, Sophia Boehme, Jannik Schümann, Tom Wolf
Bewertung *****

Worum geht’s?

Jakob steckt mitten in der Pubertät und ist genervt von den ständigen Streitereien seiner Eltern. Er schwärmt für die 13-jährige Hannah, traut sich aber nicht, ihr das zu gestehen. Um seine Noten ist es auch nicht zum Besten bestellt, und so beschäftigt er sich am liebsten mit seiner Videokamera. Das Hobby wird ihm dann zum Verhängnis: Jakob hat sich beim Masturbieren gefilmt, und das Video ist in die falschen Hände geraten. Zwei Jungs aus seiner Klasse erpressen ihn damit. Jakob weiß nicht, was er tun soll – zumal sich seine Eltern gerade trennen und deshalb genug mit sich selbst zu tun haben.

Das sagt shitesite:

Man weiß gar nicht, worüber man bei Homevideo am meisten staunen soll. Dem offiziell besten Fernsehfilm des Jahres 2011 gelingt es mühelos, ein hochaktuelles Thema aufzugreifen (Cybermobbing), dabei vollkommen authentisch in die Welt von Teenagern einzutauchen (woran die meisten Filme mit derart gut gemeinter Herangehensweise auf peinlichste Weise scheitern) und zugleich von einem Drama zu erzählen, in dem alle Beteiligten förmlich in einen Schraubstock der Beklemmung geraten, weil sie immer wieder die falschen Entscheidungen treffen.

Die Moormanns wirken wie eine Bilderbuchfamilie: Der Vater sorgt als Polizist für Recht und Ordnung, die Mutter kümmert sich als Krankenschwester um die, die Hilfe brauchen. Jakob und seine kleine Schwester Amelie sind ein Herz und eine Seele. Doch als Jakob dringend Rat und Hilfe braucht, findet er niemanden, dem er sich anvertrauen kann. Die Konflikte und Spannungen bei den Moormanns sind längst so groß, dass sie bloß noch eine virtuelle Familie sind.

Von diesem Kontrast erzählt Homevideo immer wieder: Die Gefahr, vor der Jakob kein Entrinnen sieht, ist virtuell. Seine Flirts mit Hannah sind (zumindest am Anfang) virtuell. Die Freundschaft mit den Klassenkameraden, die ihre eigene Sensationsgier und Machtlust über die Loyalität zu Jakob stellen, als sie das peinliche Video in die Hand bekommen, erweist sich als virtuell. Das Mobbing, das Jakob über sich ergehen lassen muss, als die halbe Schule das Video gesehen hat, kommt virtuell daher. Und auch das Glück, das hier zwischendurch in beinahe idyllischen Szenen auch immer wieder angedeutet wird, entpuppt sich am Ende als virtuell.

Dass Homevideo nicht erklärt, warum Jakob das pikante Video überhaupt gedreht hat, gehört zu den größten Stärken des Films. Weil nur er selbst den Grund kennt, wird erst recht deutlich, wie sehr dieses Filmchen seine Privatangelegenheit ist. Daraus erwächst eine enorme Fallhöhe, denn schnell ist Jakob (und dann irgendwann auch seinen Eltern) klar, dass eine Veröffentlichung des Videos nichts weniger als seine Existenz zerstören kann.

Jonas Nay ist in der Hauptrolle sagenhaft gut: Er hat den größten Anteil daran, dass Homevideo so beklemmend wird. Als ihm klar wird, was passiert ist, möchte er sterben vor Scham, und dann wird alles noch viel schlimmer. Erwachsene helfen ihm nicht, Gesetze helfen ihm nicht, Selbstjustiz hilft ihm nicht, und mit Hannah hat er seine einzige Verbündete durch seinen Selbstvoyeurismus ebenfalls besudelt. Man kann nicht anders, als seine Verzweiflung fühlen. Niemals wurde der Wunsch nach der Löschtaste fürs Internet so eindringlich vor Augen geführt wie hier.

Bestes Zitat:

“Und wer hat das alles gesehen? – Frag lieber, wer es nicht gesehen hat.”

Der Trailer zum Film:

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