Durchgelesen: Frank Goosen – „Mein Ich und sein Leben“


 

Frank Goosen kennt die Menschen und ihre Macken.

Autor Frank Goosen
Titel Mein Ich und sein Leben. Komische Geschichten
Verlag Eichborn
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung ***1/2

Pinguine sind seltsame Tiere. Wenn sie allein rumstehen, wirken sie recht beeindruckend, souverän, ja majestätisch (machen von ihnen nennen sich sogar „Kaiser“). Aber wenn man sie als Gattung betrachtet, muss man sich doch sehr wundern. Sie sind gewissermaßen gegen ihre Natur. Schräge Vögel, sozusagen. Schließlich können sie deutlich besser schwimmen als fliegen. Und wenn sie sich dann wie in einer Massenhysterie alle gleichzeitig von ihren Brutplätzen ins eiskalte Wasser stürzen, sehen sie ziemlich doof dabei aus.

Dass Pinguine darin den Menschen ziemlich ähnlich sind, weiß Frank Goosen. Wie gut er die Menschen kennt, ihre Macken und Mängel, zeigt er in „Mein Ich und sein Leben.“ Der Sammelband mit Erzählungen, Glossen, Kolumnen und Kurzgeschichten ist mit „Komische Geschichten“ untertitelt; und auch damit zeigt der Bochumer (wie mit den Pinguinen auf dem Einband) einen feinen Sinn für Doppeldeutigkeit. Denn „komisch“ kann sowohl „belustigend“ als auch „seltsam“ bedeuten. Und von seltsamen Charakteren, Moden und Orten wimmeln diese belustigenden Geschichten.

Chronologisch geordnet ergeben sie Goosens Biographie, von der Kindheit in den 1970ern bis zum Vatersein im dritten Jahrtausend. Das sind nicht nur rührende Tagebucheinträge, die auch die eigenen Spleens aufs Korn nehmen, sondern Zeitdokumente, die Allgemeingültigkeit beanspruchen können. Denn Goosen verfügt über drei große Stärken: ein waches Auge, gute Ohren und ein unfassbares Gedächtnis. So entgeht ihm kaum eine krude Abseitigkeit, keine kleine Tragödie und keine schmutzige Fantasie.

Man würde den Autor allerdings beleidigen, wenn man ihn nur als guten Beobachter bezeichnete. Der Alttag erstraht hier auch deshalb als ein Fundus an Kuriositäten, weil Goosen punktgenau formuliert und ein in langen Lesereisen geschultes Gefühl für das richtige Timing hat. So wird man es kaum schaffen „Alle meine Tiere“ zu lesen, ohne laut zu lachen, die „Hochzeit mit Ginger Rogers“ ob seiner punktgenauen Dialoge schätzen und erkennnen, dass die sechs Seiten von „Wie Ralle zum Film kam (und ich nicht)“ deutlich unterhaltsamer sind, als die gesamte Verfilmung von Goosens Erfolgsroman „Liegen lernen.“

Beste Stelle: „Als ich schon aus dem Alter raus war, wo man an Bienchen und Blümchen glaubt, die Wahrheit über das Kinderkriegen aber noch nicht fassen konnte, habe ich meinen Vater mal gefragt, wo ich denn herkäme. Er tat so, als sei er mit wichtigen Staatsgeschäften befasst, und schickte mich zu meiner Mutter. Die schüttelte den Kopf und sagte, ich solle meinem Vater ausrichten, er solle sich nicht so anstellen.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.