Durchgelesen: Louisa Young – „Alles worauf wir hofften“


Autor Louisa Young

Alles worauf wir hofften Louisa Young Kritik Rezension

„Alles worauf wir hofften“ ist der zweite Roman von Louisa Young über den Ersten Weltkrieg.

Titel Alles worauf wir hofften
Originaltitel The Heroes Welcome
Verlag List
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

„Sie müssen nur einen Roman über den Ersten Weltkrieg lesen, nämlich diesen“, hat die Times geschrieben, als 2014 die englische Originalausgabe dieses Buchs erschien. Nun liegt Alles worauf wir hofften auch in deutscher Übersetzung (von Claudia Feldmann) vor. Man mag sich dem Absolutismus der Times vielleicht nicht ganz anschließen, und dennoch ist Louisa Young ein packender, kluger und wichtiger Roman gelungen – der gerade aus deutscher Perspektive einen besonderen Reiz entwickelt.

Die Geschichte beginnt im London des Jahres 1919 und begleitet zwei Ehepaare (Fans von Louisa Young werden die Figuren schon aus dem Vorgänger Eins wollt ich dir noch sagen kennen) durch die Jahre unmittelbar nach Kriegsende. Riley ist durch eine Wunde im Gesicht entstellt und versucht nun, sich in den Flitterwochen mit seiner Frau Nadine wieder so etwas wie Normalität zu erkämpfen und sich danach eine Existenz in London aufzubauen. Peter, sein ehemaliger Offizier, ist körperlich vergleichsweise heil von den Schlachtfeldern an der Somme und in Flandern zurückgekehrt, ringt mit seiner exzentrischen Frau Julia auf dem Landsitz Locke Hill aber ebenso sehr mit den Folgen des Krieges.

Louisa Young, die als Journalistin unter anderem für Marie Claire und den Guardian gearbeitet hat, erzählt vom Krieg als einem Trauma, das alle erfasst. Nicht nur die Soldaten, die (wenn sie Glück haben) von der Front zurückkehren, sondern buchstäblich das ganze Land – und das, obwohl England den Krieg gewonnen hat. Das ist der für deutsche Leser besonders erhellende Aspekt des Romans: Natürlich kennt man auch hierzulande reichlich Geschichten über das Grauen des Stellungskriegs und die Depression danach. Aber diese Tristesse wird zwangsläufig mit dem Makel der Niederlage verknüpft. Alles worauf wir hofften zeigt: Es spielt keine Rolle, wer gewinnt. Ein Krieg macht alle Beteiligten zu Opfern. Der nach der Lektüre beinahe sarkastisch anmutende Originaltitel The Heroes Welcome macht das noch deutlicher.

Die Autorin erzählt davon zugleich engagiert und mittels vieler innerer Monologe sehr einfühlsam, mit imposanten Frauenfiguren und eleganten Bezügen zur Literaturgeschichte. Odysseus oder Anna Karenina sind ihren Figuren so vertraut und nah wie ihre Zeitgenossen, so wichtig wie die Männer, mit denen sie im Schützengraben lagen.

Der Erste Weltkrieg erscheint hier, obwohl schon wieder Frieden herrscht, als die erzählte Zeit beginnt, zutreffend zugleich wie eine singuläre, alles für möglich Gehaltene übertreffende Erschütterung – nicht umsonst wird er (und nicht etwa der Zweite Weltkrieg) in England noch heute Der Große Krieg genannt. Aber er ist auch Katalysator für viele Ängste und Prozesse, die schon vor 1914 dabei waren, sich Bahn zu brechen: den Zerfall des British Empires, das Knirschen des Klassensystems, die Erosion von Glaubensgemeinschaften, Familien und Nachbarschaften als Spätfolge der Industrialisierung.

Auch wegen dieser Prozesse, die tiefer liegen und langfristig ablaufen, aber eng mit dem Ausnahmezustand der vier Kriegsjahre verknüpft sind, erscheint Alles worauf wie hofften auf erschütternde Weise aktuell, sowohl beim Blick auf die Gefühle der Beteiligten, aber auch bei ihren Gedanken auf der Suche nach Orientierung und Sinn und bei den Konflikten, denen sie sich stellen müssen. Der Roman zeigt Brüche und Kontinuitäten, die im Krieg manchmal ihren Auslöser haben, manchmal aber auch bloß ihren Ausdruck finden – und er ist damit eine Warnung vor dem Prinzip der Eskalation.

Vielleicht am meisten beeindruckt an diesem Buch, wie gut Louisa Young die tiefenpsychologischen Folgen des Kriegs für die unterschiedlichsten Bereiche der Gesellschaft durchdrungen hat, und wie poetisch es ihr gelingt, deren Komplexität in ein vergleichsweise kleines Ensemble und einen vergleichsweise einfachen Plot zu integrieren. Der Erste Weltkrieg erweist sich in Alles worauf wir hofften als erster signifikanter Dämpfer für den Glauben an die grenzenlose Entfaltung des Individuums, der sich zuvor vierhundert Jahre lang fast ungehindert ausgebreitet hatte. Erstmals stellt sich mit aller Macht die Frage: Machen wir vielleicht etwas grundsätzlich falsch? Nicht nur als Einzelne, sondern auch als Gesellschaft, als Zivilisation? Die Figuren dieses Romans sind persönlich und existenziell von diesem Schock betroffen – und sie zeigen uns, dass wir noch immer nicht die richtigen Antworten auf diese Fragen gefunden haben.

Bestes Zitat: „Die Zeit rast vorbei, und alle leiden. Hier herrscht so viel Stille, und es ist schwer zu sagen, ob es die Stille der Heilung ist, der Ruhe und Versenkung, oder die Stille der Angst und Einsamkeit, der Leere und des So-tun-als-ob… Sterben sie da hinter ihren verschlossenen Türen? Oder sind die dabei zu heilen, jeder auf seine Weise und in seinem Tempo?“

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