Futter für die Ohren mit Leoniden, Curtis Waters, Julia Stone, Doves, Foxes, Alex Kapranos und Clara Luciani


Leoniden LOVE Review Kritik

Leoniden packen die Liebe in ihre neue Single. Foto: Universal Music

Eine Message, die ebenso gut in den Sommer passt wie ins aktuelle Pandemiegeschehen haben Leoniden im Gepäck. Sie lautet: L.O.V.E. – auch wenn diese Botschaft nicht so leicht in einen Satz zu packen und dem Gegenüber ins Gesicht zu sagen ist, wie der Text offenbart. Die gleichnamige neue Single der Band aus Kiel, zugleich ihr erstes neues Material seit dem Album Again, zeigt erneut, was Leoniden für eine sagenhaft talentierte, außergewöhnliche Band sind. Wurlitzer-Niedlichkeit trifft auf enorme Tanzbarkeit, ein Chor auf Sensibilität, ein ansteckendes Gefühl von Miteinander auf ein großes Maß an Individualität. All das zeugt wieder einmal von der umfassenden Kenntnis der Musikgeschichte und der einzigartigen Fähigkeit, viele gute Elemente daraus zum unverwechselbaren Leoniden-Sound zu kombinieren. Das einzig Ärgerliche am von Markus Ganter (Annenmaykantereit, Casper, Tocotronic) produzierten L.O.V.E. (*****) ist, dass man die Band (oder irgendeine andere) in diesen Tagen nicht auf einer Festivalbühne erleben kann. Das ans Artwork der Single angelehnte Video hat das Design-Kollektiv No Talent konzipiert, die Regie hatte Constantin Timm.

Foxes stand zuletzt nicht der Sinn nach Liebesliedern, Love Not Loving You hieß ihre letzte Single. Jetzt lässt sie Woman (***1/2) folgen, und wieder ist von Romantik kaum eine Spur. „I’m a person / I’m human / I’m a woman“, heißt die ebenso schlichte wie eindringliche Botschaft, begleitet nur von Klavier und Streichern und als Animationsvideo in Szene gesetzt von Gemma Green Hope. „Es gibt allerorten viel Ungerechtigkeit gegenüber Frauen. Ich hoffe, dass Frauen auf der ganzen Welt in ganz unterschiedlichen Situationen sich in dieser Single wiederfinden können und es ihnen hilft, sich aufzulehnen und Nein zu Dingen zu sagen, die einfach nicht richtig sind“, sagt Louisa Rose Allen, wie die englische Sängerin bürgerlich heißt. Diesen Effekt von Ermächtigung und Erhabenheit hört man Woman in der Tat an, ebenso wie die Identifikation von Foxes mit dem Inhalt. Kein Wunder: Sie schrieb das Lied nach einem Erlebnis in London, als sie von einem Mann belästigt und angegriffen wurde. „Ich betrachte das als einen Song über Gleichheit. Als Frauen sollten wir ermutigt werden, unsere Stimme zu erheben und Männern auf Augenhöhe zu begegnen.“

Schon während ihrer 2019er Tour haben Doves durchblicken lassen, dass ein fünftes Album von ihnen kommen wird, das erste seit Kingdom Of Rust im Jahr 2009. Jetzt sind Titel und Timing bekannt: Die Platte wird The Universal Want heißen und am 11. September erscheint. Als zweiten Vorgeschmack nach Carousels gibt es jetzt Prisoners (***) als erste offizielle Single. Jimi Goodwin, Andy Williams und Jez Williams positionieren sich damit irgendwo zwischen der mittleren Schaffensphase von Coldplay, den eingängigen Momenten von Gomez und Paul Weller mit Tanzlust. „Hello old friend, it’s been a while / it’s me again / we’re just prisoners of these times“, lautet eine der Zeilen passend zur Kombination aus Comeback und Aktualisierung der Band aus Manchester, die diesmal gemeinsam mit Dan Austin im eigenen Frank Bough Sound III Studio produziert hat. „Der Song handelt davon, eine Sache intensiv zu verfolgen und anzustreben, und dann nicht glücklich zu sein, wenn man es endlich bekommt. Dann hast du ‚das Ding‘ und merkst, dass du trotzdem nicht glücklicher bist. Sei vorsichtig was du dir wünschst”, sagt Andy Williams. Was das alles mit dem Reh, den psychedelischen Effekten und den fliegenden Gegenständen im Video zu tun hat, erschließt sich dann ja vielleicht im Album-Kontext.

Auch die Zusammenarbeit von Alex Kapranos und Clara Luciani geht auf das vergangene Jahr zurück. Damals bat die französische Künstlerin den Frontmann von Franz Ferdinand, das Stück Summer Wine (im Original von Nancy Sinatra und Lee Hazlewood) bei einem Konzert im Pariser Club Olympia mit ihr zu singen. „Wir sind beide große Fans von Lee und Nancy, und das Lied gestattet ein großes Maß an Interaktion. Clara hat den Refrain ins Französische übersetzt, so dass er nun zweisprachig ist, was sehr schön zu dem Stück passt“, sagt Alex Kapranos. Ihre sehr inspirierte Version (****) haben sie dann in seinem eigenen Studio in Schottland aufgenommen, als der Lockdown begann. „Eigentlich haben wir das mehr für uns selbst gemacht. Wir wollten die Atmosphäre einer fiktiven Welt erschaffen, jenseits all der Einschränkungen, die uns umgaben. Die Fantasie ist das beste Medium für Flucht und Abenteuer.“ Als man wieder hinaus durfte, ist das hübsch selbstironische Karaoke-Video entstanden.

Von Julia Stone steht wohl (nach acht Jahren) ein neues Soloalbum ins Haus, mit Details hält sie sich aber noch zurück. Vorerst gibt es die Single Break (****). Nimmt man dieses Lied als Indiz, hat sich ihr Stil ziemlich radikal verändert. Es gibt keinen Folk-Wohlklang, sondern Synthesizer und Bläser und zur Unterstützung eine Ansammlung vieler Künstler, die Avantgarde mit Pop-Tauglichkeit vereinen. Produziert wurde die Single von St. Vincent und Thomas Bartlett (Yoko Ono, Sufjan Stevens), als Gäste sind Stella Mozgawa (Warpaint) und Bryce Dessner (The National) dabei. Annie Clark alias St. Vincent erinnert sich, dass sie von Break umgehauen war, als sie es zum ersten Mal hörte. „Das Gefühl! Der Vibe! Es ist eingängig, aber schräg, als würde man You Can Call Me Al durch ein Vergrößerungsglas betrachten.“ Das Lied handelt vom Ansturm einer neuen Liebe, verrät Julia Stone: „Es geht um diese Phase, wenn man jemanden trifft und dann diese besondere Verbindung spürt, weil die Chemie in deinem Körper verrückt spielt. Es geht darum, diesen Moment zu genießen, ohne sich zu fragen, was danach passiert.“ Für das entsprechend lebensfrohe Video ließ sie im November eine Tanzgruppe unter der Regie von Jessie Hill durch Mexiko-City ziehen, choreographiert von Andrew Winghart (Billy Eilish, Solange, Lorde).

Curtis Waters dürfte einer der wenigen Menschen sein, die vielleicht irgendwann einmal mit Freude auf die Zeit zurückblicken, in der Covid-19 die Welt beherrschte. Denn den Lockdown nutzte der 20-Jährige, der als Abhi Bastakoti in Nepal geboren wurde, dann in Deutschland und Kanada gelebt hat und nun in North Carolina gelandet ist, um Stunnin (****) zu schreiben. Der Song kann mittlerweile mehr als 50 Millionen Streams auf verschiedenen Plattformen vorweisen, insbesondere bei TikTok machte er Furore. Das Video hat er gemeinsam mit einem Kumpel selbst umgesetzt, der alberne Tanz darin ist vor allem aus Langeweile entstanden, erzählt er – weil er in seinem regulären Job als Smoothie-Verkäufer nichts mehr zu tun hatte. Ein Album steht auch schon in den Startlöchern, es wird Pity Party heißen.

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