Nikolaikirche


Film Nikolaikirche

Szene aus dem Film Nikolaikirche von Frank Beyer

Astrid Protter (Barbara Auer) gerät mit dem DDR-Regime in Konflikt.

Produktionsland Deutschland
Jahr 1995
Spielzeit 133 Minuten
Regie Frank Beyer
Hauptdarsteller Barbara Auer, Ulrich Matthes, Annemone Haase, Günter Naumann, Daniel Minetti, Ulrich Mühe, Otto Sander, Peter Sodann, Ulrich Tukur
Bewertung

Worum geht’s?

Leipzig im Frühjahr 1989: Der zunehmende Andrang bei den Friedensgebeten in der Nikolaikirche macht die Stasi nervös. Dort versammeln sich längst nicht nur fromme Christen, sondern vor allem Menschen, die etwas an den Zuständen in der DDR ändern wollen. Auch Astrid Protter gehört bald zu den Stammgästen. Die Krise, die im Land offenkundig ist, zeigt sich in ihrem Leben als Riss quer durch ihre Familie. Ihr Vater war General, ihr Bruder ist hauptamtlicher Mitarbeiter bei der Staatssicherheit. Ihre Tochter hat sich vom System losgesagt und hängt heimlich mit Punks herum, sie selbst merkt immer mehr, wie sehr ihre Versuche, den real existierenden Sozialismus mit Tatkraft zu unterstützen, zum Scheitern verurteilt sind. Als die Opposition aus der Kirche heraus und mittels der Montagsdemos auf die Straße zieht, ist klar, dass es zu einem vielleicht ultimativen Kräftemessen zwischen Regime und Bürgerrechtlern kommen muss. Astrid ahnt: Selbst wenn diese Konfrontation unblutig verlaufen sollte, wird es in ihrer Familie zahlreiche Opfer geben.

Das sagt shitesite:

Konzentriert auf ein paar Figuren innerhalb einer Familie erzählt Nikolaikirche die Geschichte vom Ende der DDR. Der Film entstand nach dem Roman von Erich Loest, der auch am Drehbuch mitgewirkt hat, als Zweiteiler fürs Fernsehen und etwa 45 Minuten kürzere Kino- beziehungsweise DVD-Version. Diese Familie zeigt die Krisen des Landes im Kleinen: Überwachung, Privilegien, Schweigen, Mangel, fehlende Legitimation und Perspektive. Man kann bemängeln, dass die Umsetzung von Regisseur Frank Beyer wenig innovativ ist. Aber das war hier ganz offensichtlich auch gar nicht das Anliegen. Stattdessen entsteht ein eindrucksvolles Zeitgeschichts-Drama, das atmosphärisch stimmig und durch den chronologischen Ansatz und das Bemühen um historische Korrektheit durchaus auch für den Schulunterricht geeignet ist.

Die Rolle der Kirche während der friedlichen Revolution wird somit deutlich (sie ist hier keine Gemeinschaft des Glaubens, sondern letztlich ein Gebäude, in dem sich engagierte Menschen treffen), der Anteil der Umweltbewegung an der Opposition und auch der zunehmend weltfremde Blick der SED-Führung auf die Realität im Land. Astrid, die Architektin, die beim Städtebau in Leipzig letztlich nur den Niedergang verwalten kann, verkörpert die Problematik, dass vor allem die wirtschaftliche Situation in der DDR so verfahren ist, dass selbst die (einst) Überzeugten langsam Zweifel an diesem System bekommen und schließlich in der Depression landen.

Es gibt die Mutigen in diesem Film, die Mitläufer, Wendehälse und Ewiggestrigen, manche davon wirken wie Prototypen. Doch der Vorwurf, sie seien schablonenhaft, ignoriert eine wichtige Tatsache: Die Menschen dieser Zeit waren hoch politisiert, viele definierten sich über ihre Position zum Staat, zur Partei, zum Glauben an eine Erneuerung oder der Hoffnung darauf, dieses Land verlassen zu können. Das galt nicht nur für Funktionäre, sondern auch für ganz normale Menschen. Nur so ist auch zu erklären, wie die Widerstandsbewegung, die in der Nikolaikirche ihr Epizentrum hatte, so schnell so viele Unterstützer finden konnte.

Nikolaikirche zeigt damit sehr eindringlich die Macht der Unterdrückung, aber auch die Macht des Widerstands. Besonders beeindruckend im Rückblick – gerade angesichts der heutigen Neigung zu Inszenierung, Empörungsspiralen und ideologischer Abschottung – ist der Wille zu Dialog und Versöhnung, der aus diesem Film spricht und den Protagonisten im Herbst 1989 schließlich zum unerwarteten Triumph verhalf. Auch dazu passt der beinahe dokumentarische Ansatz des Films: Defizite werden hier gemeinsam ertragen, Konflikte gemeinsam bewältigt, Zusammenleben gemeinsam gestaltet. Es gibt natürlich Gute und Böse dabei, aber unverkennbar auch den Hinweis, dass sich niemand diesem Bestreben entziehen kann.

Bestes Zitat:

„Wir können nicht die Leute rein lassen und ihnen sagen, sie sollen ihre Probleme draußen lassen.“

Es gibt leider keinen Trailer zum Film.

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