Durchgelesen: Harry Mulisch – „Die Entdeckung des Himmels“


Zwei Hauptfiguren und ganz viel Geschichte: "Die Entdeckung des Himmels".

Zwei Hauptfiguren und ganz viel Geschichte: „Die Entdeckung des Himmels“.

Autor Harry Mulisch
Titel Die Entdeckung des Himmels
Verlag Rororo
Erscheinungsjahr 1993
Bewertung ****1/2

Das Attentat mag sein Durchbruch gewesen sein, doch mit Die Entdeckung des Himmels beweist Harry Mulisch, dass er ein großer Autor ist. Der Niederländer versteht es hier, ein halbes Jahrhundert Weltgeschichte in zwei faszinierenden Charakteren zu konzentrieren.

Da ist der Lebemann Max, der aus seinem Dasein als Casanova eine Philosophie gemacht hat: „Er war frei! Er war wunschlos! Das war ebenso herrlich wie das Ficken oder die Sicherheit vorher, dass es passieren würde. Oder war es vielleicht sogar schöner? Lag der Grund dafür, dass er jeden Tag mit einer Frau schlafen wollte, letztlich vielleicht nur im Erreichen dieses Ziels: dass er es für kurze Zeit nicht mehr wollte?“ Und da ist Onno, der Linguist, den ausgerechnet seine Weltfremdheit in die Politik spült und der bald die Verwandtschaft zwischen den beiden Disziplinen erkennt (und beklagt): „Das ist die Politik, die Macht, es ist alles verbal, ein ununterbrochener Schneesturm von Wörtern. Aber es ist kein normales Sprechen, nein, es sind Akte der Äußerung. Es ist Handeln, man tut etwas, ohne etwas zu tun.“

Die Außergewöhnlichkeit ihrer Freundschaft ist beiden schnell klar, sie ergänzen einander nicht nur, sie spiegeln sich auch ineinander, wie Max bemerkt. „Wenn man unterschiedlichen Leuten dasselbe erzählt, dann erzählt man es doch auf so unterschiedliche Weise, wie sich diese Leute voneinander unterscheiden, aber jetzt schien es ihm, als ob er die Geschichte, seine Geschichte, zum ersten Mal sich selbst erzählt hatte.“

Genau diese beiden Themen stehen hier im Zentrum: Historie und Beziehungen. Zwischen Generationen und Liebenden, zwischen Religionen und Parteien. Wie kaum ein anderer hat Mulisch verstanden, wie eng Geschichte und Geschichten zusammenhängen. Und mit einem grandiosen Einfall eines göttlichen Auftrags, dessen Inhalt erst nach mehr als zwei Dritteln des Romans erkennbar wird, schafft er es, diese Verbindung mit viel Poesie (bestes Beispiel: „Die nackten Füße versanken im Sand, der noch immer warm war von der Sonne, und über ihm entfaltete sich der mondlose Sternenhimmel mit einer Geste, die er fast meinte hören zu können: wie ein herrlicher Akkord des gesamten Orchesters.“) und einer erzählerischen Kraft und Klarheit zu verdeutlichen, die man nur schöpferisch nennen kann.

Neben der Wärme, dem Witz und dem Geist, der in diesem Buch steckt, ist das Wissen eine weitere große Stärke Mulischs: Die Entdeckung des Himmels wimmelt von Verweisen, Zitaten und Anspielungen, die Bandbreite reicht dabei von Astrophysik bis Kunstgeschichte. Ähnlich wie Thomas Mann versteht es Mulisch, diesen Kenntnisreichtum nicht zu bildungsbürgerlicher Prahlerei verkommen zu lassen.

Dazu tragen auch die Intermezzi im Himmel bei. Auf dieser Meta-Ebene erzählt ein Engel, wie er den göttlichen Auftrag umgesetzt hat und welche Geschichte(n) sich daraufhin auf der Erde entspannen. Das Räsonnieren, Witzeln und Kopfschütteln über die Menschen verleihen dem Werk bei all seinem Anspruch eine famose Leichtigkeit. Und das Eingreifen der Engel in die Welt und Taten der Menschen ist die vielleicht größte Verehrung ihrer Freiheit und Fähigkeiten.

Dass die Erdenbürger mit diesen beiden Elementen allerdings auf dem besten Weg sind, sich ihrer göttlichen Verwandtschaft zu berauben und sich vielleicht sogar völlig auszulöschen, ist die Sorge Mulischs. Sie spricht hier aus jedem geistreichen Dialog, aus jedem Idyll, aus jeder Reflexion. Am Ende mündet die Sorge in einen flammenden Appell.

Leider lässt sich Mulisch dabei ein bisschen zu weit von seiner Endzeitstimmung mitreißen. Das Ende des Romans ist ein ärgerlicher Bruch, überfrachtet und esoterisch. Den Punkt, auf den Mulisch 800 Seiten lang grandios und packend hinarbeitet, findet er schließlich selbst nicht und verliert sich stattdessen in einer Vision, die viel zu endgültig und eindeutig ist, um mit der Eleganz und Raffinesse mitzuhalten, die Mulisch hier über weite Strecken zuvor unter Beweis gestellt hat.

Beste Stelle: „Nur wer alle Geschichten kannte, kannte die Welt.“

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