Hingehört: “Chillout Ibiza”
| Künstler | Diverse |
| Album | Chillout Ibiza – The Balearic Edition |
| Label | Paper Chase |
| Erscheinungsjahr | 2007 |
| Bewertung | ** |
Wer zum vorweggenommenen Sommer noch die richtigen Klänge sucht, wird bei Chillout Ibiza – The Balearic Edition sicher fündig. Bei iTunes bereits ein Nummer-1-Erfolg, liegt der Sampler nun auch auf CD vor.
Die prall gefüllte Scheibe liefert sanfte Elektro-Klänge, die in San Franciscos legendärem Szene-Treff “Sunset Lounge” gespielt wurden. Das ist enorm entspannt, stets elegant und fast immer rein instrumental. Signfields Sunday 3 PM zählt zu den Höhepunkten. Und in Island Of Dreams von Ambiente kommt sogar etwas Schwung auf.
So klingt es, wenn man sich in San Francisco die Balearen vorstellt: Signfield mit einem Beitrag zu Chillout Ibiza:
Keine Chance
Erhard Eppler erweist sich wieder einmal als verträumter Weltverbesserer. Der Ex-Entwicklungshilfeminister hat sich schon für die Dritte Welt eingesetzt und gegen den Irakkrieg gekämpft. Nun legt er sich mit den ganz Großen an, sogar mit allen auf einmal. Doch seine Forderung, die G-8-Gipfeltreffen abzuschaffen, ist unrealistisch. Leider.
Nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern fragt man sich, was es bringen soll, wenn die acht bedeutendsten Staats- und Regierungschefs der Welt 72 Stunden lang zusammen sitzen und über die selben Themen streiten, die sie schon seit Jahren diskutieren. Das Bundesland, das mit einer Arbeitslosenquote von knapp 20 Prozent die rote Laterne in Deutschland trägt, übernimmt einen Großteil der Kosten für das Spitzentreffen, die sich auf 90 Millionen Euro belaufen.
Was da für Geld verschleudert wird! Marode Kasernen werden modernisiert, um Polizisten unterzubringen – und kurz darauf wieder zu Ruinen zu werden. Ein Zaun wird gebaut, zwei Wochen lang wird das öffentliche Leben lahm gelegt, alleine 34 Millionen Euro kostet der Polizeieinsatz, der die Lenker der Welt von der Welt abschotten soll.
Paradoxerweise lockt gerade dieser Aufwand die Gipfelgegner an. Denn auch sie profitieren vom G-8-Treffen: Diejenigen, die nur Stunk machen wollen, könnten kein attraktiveres Podium finden. Diejenigen, die tatsächlich fundierte Kritik üben, können ebenfalls gewiss sein, dass sie nirgends sonst so viel Einheit nach innen und Aufmerksamkeit nach außen erlangen würden.
All dieser Trubel findet statt, obwohl Staaten wie Russland mehr oder weniger offen bekunden, dass es ihnen in Heiligendamm beim besten Willen nicht um Ergebnisse geht. Und obwohl die USA vorab keinen Zweifel daran lassen, dass sie sich auch von einer noch so großen Mehrheit nicht von ihren eigenen Ansichten abbringen lassen werden.
So vernünftig Epplers Überlegungen deshalb auch sind – eine Chance auf Verwirklichung haben sie nicht. Denn vor allem ist der G-8-Gipfel eine spektakuläre, grell beleuchtete Bühne der Illusionen. In Zeiten, in denen Beschlüsse schon auf nationaler Ebene monatelang vorbereitet werden müssen, in denen Lobbyisten und global agierende Wirtschaftsunternehmen längst mehr Macht haben als Minister und in denen, ganz nebenbei, selbst multilaterale Spitzengespräche längst auch über Videokonferenzen stattfinden könnten, inszenieren die Politiker hier ihre eigene Macht.
Sie erwecken den Eindruck, als könnten sie soeben den Lauf der Welt ändern – per Handschlag, beim Mittagessen oder einem Spaziergang. Angesichts der Dimension der Probleme, denen sie sich eigentlich stellen müssten, ist dieser Anspruch allerdings fahrlässig – und noch unrealistischer als Epplers Forderung.
Mauritius
Mark Twain hat sogar behauptet, dass Mauritius noch vor dem Himmel geschaffen worden sei – der Himmel könne allenfalls eine Kopie dieser Insel sein. Man mag kaum widersprechen: Das Klima ist tropisch, aber mild. Die Traumstrände fallen ganz sanft ins azurblau bis grün strahlende Wasser ab. Eine Kette von Korallenriffen lagert rund um das Eiland – als habe die Schöpfung der erst seit 500 Jahren besiedelten Insel eine Leibgarde zur Seite gestellt, um sie vor der Wut des Ozeans zu schützen. Doch vor allem sind es die Menschen, die den paradiesischen Eindruck rechtfertigen. Hindus, Moslems und Christen leben hier friedlich miteinander. Das macht Mauritius zum perfekten Urlaubsparadies.
Der Mannschaftsbus
Wenn er so an einem vorbeifährt, vielleicht etwas zügiger als notwendig, dann gerät man leicht ins Fantasieren: Man rechnet jeden Moment damit, dass sich die Schiebetür an der Seite schwungvoll öffnet, noch bevor der schwarze Wagen mit quietschenden Reifen zum Stehen kommt, und dass Murdoch, Hannibal und Face herausspringen, bevor B. A. Baracus sich vom Fahrersitz schwingt.
Das ist die erste Überraschung: Der Multivan Startline von VW ist keine dröge Lagerhalle auf Rädern, sondern mächtig cool, so wie einst der Einsatzwagen des A-Teams. Schwarzer Metallic-Lack, ein silberner Rallye-Streifen aus Designfolie ringsum, dunkel eingefärbte Fenster hinten und 17-Zoll-Stahlräder sorgen für einen markanten Look.
Die zweite Überraschung ist das Fahrverhalten. Zwar lässt der hohe (und auch auf Langstrecken bequeme) Fahrersitz zunächst Trucker-Feeling aufkommen. Doch sonst ähnelt der Multivan einem normalen Pkw: Die Federung ist gut, das Handling unkompliziert, die Fahrleistungen (inklusive Turbo-Pfeifen) sind ansprechend. Mit 102 PS bewältigt der Vierzylinder-Diesel das (mit Ladung bis zu drei Tonnen schwere) Gefährt souverän.
Die dritte Überraschung ist der Preis: Nur etwas mehr als 30.000 Euro verlangt der Händler für die Basisausstattung. Damit ist der Startline fast 10.000 Euro günstiger als andere Wolfsburger Multivans. Dass mitunter gespart wurde, sieht man dem Auto zwar an. Doch robuste und abwaschbare Materialien vorne sind bei einer Familienkutsche durchaus sinnvoll.
Auch bei der fehlenden Verkleidung im Heck wurde aus der Not eine Tugend gemacht: Vom Dach baumelt nun ein praktisches Gepäcknetz. Alles, was wichtig ist, hat der Startline jedoch an Bord: Airbags für Fahrer und Beifahrer, elektrische Fensterheber, beheizbare Außenspiegel, ESP und Zentralverriegelung. Dass es keinen zusätzlichen Heckmeck gibt, wird mancher Kunde sogar als angenehm empfinden.
Störende Punkte gibt es dennoch: Der Partikelfilter, der für die größeren Motoren serienmäßig ist, kostet hier gut 620 Euro extra. Wenn man die Heizung regulieren will, ist der mittig auf dem Armaturenbrett platzierte Schaltknüppel im Weg. Und auch die Schiebefenster hinten lassen sich nicht spielend leicht öffnen.
Dafür bietet der Multivan aber nicht nur Platz für bis zu sieben Passagiere, sondern auch eine enorme Vielseitigkeit, die vor allem durch die Dreier-Sitzbank erreicht wird. Diese lässt sich auf zwei Schienen bewegen: In der hintersten Position entsteht zwischen den Front-Insassen und der Rückbank so viel Platz, dass man dort spielend ein paar Fahrräder unterbringen kann. Schiebt man die Bank nach vorne, wächst das Kofferraumvolumen auf galaktische Ausmaße an. Zudem lässt sich die Bank auch als Liegefläche nutzen oder komplett ausbauen.
Einziges Problem dabei: Das Gestühl ist so schwer, dass man es alleine beim besten Willen nicht aus dem Wagen bekommt. Zur Hilfe muss dabei zwar nicht gleich nach B. A. Baracus fragen. Trotzdem ist Teamwork gefragt. Aber bei so einem Mannschaftsbus dürfte das kein Problem sein.
Interview mit Pete Townshend
Mehr als 3000 Gitarren hat Pete Townshend in seinem Leben angeblich zerschmettert. Doch das Image vom Berserker hat der Vordenker von The Who längst hinter sich gelassen. Auch im Interview kann man ihn sich trotz seines festen Händedrucks kaum als Wüterich vorstellen: Townshend, der am Samstag seinen 63. Geburtstag mit seiner Freundin in Bilbao gefeiert hat, ist höflich, intelligent und voll bei der Sache.
Wenn er nach einer Antwort sucht, zieht sich die hohe Stirn manchmal ein paar Sekunden in Falten, doch das Warten lohnt sich: Die Aussagen sind durchdacht und humorvoll. Man merkt: Diese Band, dieses Album und diese Tour sind ihm wichtig. Und er weiß, wovon er spricht.
Kein Wunder: Heute gilt Townshend als einer der profiliertesten Komponisten der Popgeschichte. Er hat mit Tommy und Quadrophenia das Genre der Rock-Oper mit erfunden, er war einer der ersten Rockmusiker, die mit Synthesizern experimentierten, und er ist einer der einflussreichsten und stilprägendsten Gitarristen aller Zeiten.
Frage: Gitarrenmusik scheint vor allem in Großbritannien derzeit ein Revival zu erleben. Fühlen Sie sich dafür ein bisschen mit verantwortlich? Und wie gefällt Ihnen aktuelle Musik, die sich auf The Who und andere Sixties-Bands bezieht?
Townshend: Ich bin ein bisschen verwundert, auch erleichtert. Ich erinnere mich an die 1980er Jahre, als es so aussah, als würde Gitarrenmusik aussterben. Ich weiß noch, wie das bei unserem letzten Auftritt bei Top Of The Pops war: Duran Duran waren da und Adam & The Ants, und neben denen sahen wir aus wie alte Männer, die gern jung sein wollen. Roger hatte ein rosa T-Shirt an, und ich hatte viel Gel in den Haaren und ein riesiges weißes Sakko. Unsere Single verkaufte sich nach dem Auftritt schlechter als vorher, und da wusste ich, dass wir aufhören mussten.
Erstaunlicherweise wurden genau zu dieser Zeit zwei andere britische Rockbands ganz groß: Queen und Status Quo. Ich denke, dass sie in den 1980er Jahren die Lücke gefüllt haben, die wir hinterlassen haben. Auch Bruce Springsteen hat mir das gesagt: Er hat damals in Amerika praktisch unser Publikum geerbt. Und nun profitieren wir ein wenig davon, dass sie und später die Britpop-Bands wie Jam, Oasis, Blur und Supergrass die Sache am Leben erhalten haben. Unser neues Album knüpft genau da an, wo wir aufgehört haben.
Aber den Zeitraum dazwischen haben andere Künstler überbrückt, die natürlich in der Tradition der Beatles, Stones, Kinks und von The Who stehen: Sie machen Musik, die einerseits ernst ist, aber auch bewusst auf Unterhaltung setzt, mit Ironie spielt und sich mit den Schwierigkeiten junger Leute beschäftigt.
Frage: Sind Sie stolz darauf, dass ein Song wie My Generation auch für heutige Teenager noch immer eine Hymne ist?
Townshend: Ich weiß nicht, was er für die Leute bedeutet. Manchmal stehen bei den Konzerten Kids vor der Bühne und tanzen wild zu dem Song. Manchmal sind es alte Männer, die bloß mit dem Kopf nicken. Ich kann nicht in ihre Köpfe sehen. Ich weiß nur: Als ich den Song geschrieben habe, habe ich keinen Gedanken daran verschwendet, dass ich jemals alt werden würde.
Ich wohnte damals in einer sehr schicken Gegend, in der Nähe der chinesischen Botschaft. Ständig begegnete ich Damen in Pelzmänteln und Männern im Rolls Royce, die mir zu verstehen gaben, dass ich hier nichts zu suchen hätte. Und mein einziger Gedanke war: Ich will nicht wie ihr sein. Zum Teil ging es in dem Song darum, dass wir nicht mehr dieselben Rahmenbedingungen hatten wie die Generation unserer Eltern und Großeltern sie noch vorgefunden hatte. Auch wenn das aus heutiger Sicht schockierend klingt: Ich habe mich damals beinahe danach gesehnt, einfach ein Gewehr zu bekommen und jemanden, der mir sagt, was ich zu tun habe. Stattdessen hatten wir zwar unsere Freiheit. Aber es hätte uns jemand sagen sollen, wie man damit umgeht.
Frage: Kann Rockmusik dabei helfen? Kann sie womöglich sogar die Welt verbessern?
Townshend: Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten sich alle Leute in meiner Generation vorgenommen: Wir werden es anders machen. In gewisser Hinsicht haben wir das auch geschafft. Wir haben vielleicht nicht die Art geändert, in der die Welt regiert wird, aber immerhin die Musik und die Mode. Man kann sich schwer vorstellen, wie die Welt heute ohne diesen Beitrag aussehen würde und ob sie besser oder schlechter wäre. Immerhin haben wir angefangen, eine ganze Menge Fragen zu stellen, auch wenn die Antworten darauf vielleicht erst die Generation unserer Kinder finden wird.
Frage: Wenn Sie auf ihre Karriere zurückblicken: Was ragt heraus, worauf sind Sie besonders stolz?
Townshend: Sicherlich Quadrophenia. Es war das wagemutigste und ehrgeizigste Projekt, das ich angegangen bin. Lustigerweise war das auch die Aufnahme, über die ich am meisten Kontrolle hatte. Vor allem aber mag ich Quadrophenia, wegen der Idee, die dahinter steht. Das Album repräsentiert ganz viel von dem, wo The Who herkamen und wie es war, in den Nachkriegsjahren aufzuwachsen.
Die Mod-Bewegung gab vielen Menschen die Möglichkeit, eine Identität zu finden, einen Platz, wo sie sich zugehörig fühlen. In vielen Ländern, vor allem in Südeuropa, werde ich noch heute manchmal auf der Straße angehalten von Leuten, die mir sagen, wie sehr sie das Album lieben. Wir haben viele Hits gehabt, aber die Leute sprechen mich fast immer nur auf Quadrophenia an.
Frage: Wie läuft das Komponieren heute ab? Steht am Beginn meist eine Textidee oder eine Gitarrenfigur?
Townshend: Am Anfang ist das meistens eine sehr abstrakte Idee, und das war schon immer so. Wir waren damals Intellektuelle, wir interessierten uns für Werbung und Marketing und Images, und das war sehr vorausschauend. Denn die einflussreichsten Künstler unserer Zeit sind meiner Meinung nach Werbe-Leute, die Slogans für Firmen oder Spots für das Fernsehen produzieren. Und mir fällt das Schreiben dann leicht, wenn ich weiß, wo ich hin will. Ich möchte eine Wahrheit vermitteln, ich möchte etwas präsentieren, von dem ich zunächst nur eine grobe Vorstellung habe. Das hat eine große Ähnlichkeit mit Journalismus.
Frage: The Who spielen auf der aktuellen Tour in vielen Großstädten, aber teilweise auch in der Provinz. Trifft das Management diese Entscheidungen, oder äußert da auch die Band ihre Wünsche?
Townshend: Wir reden da schon ein Wörtchen mit. Hier in Madrid haben wir beispielsweise auch vergangenes Jahr gespielt, und das war für mich einer der Höhepunkte der Tour. Als ich sehr jung war, habe ich viel spanische Musik gehört und deshalb war ich sehr nervös, als ich zum ersten Mal auf einer Bühne in Spanien Gitarre spielen sollte. Aber dann wurde mir klar, dass vieles von dem, was ich mit meinem Körper im Konzert tue, zwischen Fußball und Flamenco schwankt – und diese Kombination sollte in Spanien ja wohl funktionieren (lacht). Am Ende war es wirklich eine gute Show, und wir waren froh, dass wir endlich einmal in Spanien auftreten konnten, wo wir noch nie zuvor gespielt hatten.
Wir versuchen durchaus, an solche Orte zurückzukehren, wenn es uns gut gefallen hat. Außerdem wollen wir gerne Konzerte dort spielen, wo wir schon lange nicht mehr waren. Letzten Endes müssen wir aber natürlich auch ein paar Tickets verkaufen. Wir haben auch schon in Barcelona vor 4000 Leuten gespielt – in einer Halle, in die viermal so viele Zuschauer reinpassen. Da wird uns dann klar: Wir haben dieses Land auch ein bisschen vernachlässigt. In England, den USA und Deutschland waren The Who immer so präsent, dass wir uns dort wirklich ins nationale Bewusstsein eingeprägt haben. Wir können dort jederzeit spielen und werden ein Publikum haben. Die Vorstellung, uns diesen Status in einem anderen Land erst erarbeiten zu müssen, hat mir hingegen wirklich Angst gemacht, weil die Welt dafür einfach zu groß ist. Aber es ist auch eine Herausforderung, und deshalb spielen wir in diesem Jahr auch an ein paar neuen Orten.
Pete Townshend in Aktion nach dem Interview: See Me Feel Me und Listening To You live in Madrid:
The Who, Madrid, Palacio des Deportes Comunidad de Madrid
Von außen sieht der Palacio des Deportes Comunidad de Madrid aus wie eine Mischung aus Baumarkt und Museum. Normalerweise spielen hier die Basketballer von Real Madrid. Auch an diesem Abend geht es um Kraft wie bei einem Dunking, um Präzision wie bei einem Drei-Punkte-Wurf und um eine geschickte Taktik wie bei der Zonenverteidigung.
Doch mehr als 10.000 Fans sind diesmal wegen ganz anderer Größen gekommen: The Who. Die Rock-Giganten spielen in der spanischen Hauptstadt das zweite Konzert ihrer Europa-Tournee.
Und wie sie spielen! Keine Vorwarnung, keine Begrüßung, sofort Vollgas. Schon nach dem ersten Refrain von I Can’t Explain verwandeln sich die sechs Leute auf der Bühne in eine Urgewalt, eine Bedrohung, ein Monster. Ganz rechts regiert Pete Townshend, der Thor unter den Gitarrengöttern. Sofort macht er die Windmühle, und unmittelbar wird klar: Dieser Baum von einem Mann kennt kein Erbarmen.
Das Zentrum der Bühne gehört dem Sänger. Und dass sich Roger Daltrey nirgends wohler fühlt, daran bleibt kein Zweifel. Es sind viele enthusiastische Leute im Saal. “Who, Who”-Rufe erklingen von Anfang an, ganze Zuschauerblöcke spielen schon beim zweiten Stück The Seeker Luftgitarre, ganz am Schluss wird man einen Mann im Business-Anzug sehen, der auf der Stelle springt und beide Fäuste in die Luft reckt.
Doch Daltrey stellt sie alle in den Schatten. Er scheint derjenige zu sein, der am sehnsüchtigsten die Rückkehr der Who erwartet hat. Wenn der Sänger klatscht, sein Tamburin verprügelt oder sich mit seinem beeindruckenden Bizeps an das Mikrofon-Stativ klammert, sieht er aus wie das Michelin-Männchen, so viel Energie bricht aus ihm heraus.
Die beiden sind unbestritten die Fixpunkte der Show, doch es ist vor allem der Rest der Band, der dafür sorgt, dass man in zwei Stunden kein einziges Mal an Altherren-Rock denken muss. Simon Townshend harmoniert als Rhythmus-Gitarrist prächtig mit seinem Bruder, Bassist Pino Palladino schlüpft unauffällig in die Fußstapfen von John Entwistle, Keyboarder John Bundrick liefert die Raffinesse zu all der Wucht. Doch es ist Schlagzeuger Zak Starkey, Sohn von Beatles-Drummer Ringo Starr, der dafür sorgt, dass The Who auch nach 40 Jahren kein bisschen weniger drängend, aufregend und mitreißend sind als Jungspunde wie beispielsweise die White Stripes. Wenn man schon auf Keith Moon verzichten muss, dann kann es keinen besseren Ersatz geben. Es ist wie bei einer echten Weltklasse-Mannschaft: Selbst wenn sie das Tempo verschleppt, hat das eine enorme Erhabenheit, selbst wenn sie sich phasenweise bloß am eigenen Können ergötzt, stecken Momente der Schönheit darin.
Natürlich sorgt auch die latente Rivalität zwischen Daltrey und Townshend für Spannung. Selbst, wenn die beiden Protagonisten ganz allein auf der Bühne sind – wie beim akustischen A Man In A Purple Dress – halten sie immer etwa drei Meter Sicherheitsabstand zueinander. Als Daltrey den Namen des aktuellen Albums Endless Wire mit der darauf befindlichen Mini-Oper Wire & Glass verwechselt, wird er von Townshend sarkastisch korrigiert. Und auch als nach einer guten Viertelstunde bei Who Are You plötzlich die Lautsprecheranlage ausfällt, ist das ein heikler Moment. Doch das Publikum übernimmt prompt den Gesang und überbrückt die Panne. Von nun an ist es endgültig klar: Dies wird ein besonderer Abend.
Mit Behind Blue Eyes und dem Wirbelsturm Real Me macht die Band den technischen Fauxpas sofort vergessen, die Klavierakkorde von Baba O’Riley verwandeln die Halle in ein Tollhaus. Drowned bietet Townshend ganz allein zur Gitarre und klingt dabei wie eine ganze Armee.
Spektakuläre Projektionen auf vier Leinwänden begleiten das Konzert, die Band zelebriert dabei ihre Ikonographie, reist durch die eigene Geschichte. Und welch riesiges Arsenal an Hits die Who geschaffen haben, wird vor allem zum Ende der Show klar, als Substitute ohne Pause in ein stark bearbeitetes My Generation übergeht, das in Won’t Get Fooled Again mündet. Dem folgt The Kids Are Alright als erste Zugabe, bei Pinball Wizard singen einige Madrilenen mit der Hand auf dem Herz mit. Und schließlich, nach einem rührenden Tea & Theatre, gibt es eine noch rührendere Geste: Zu den ohrenbetäubenden “Olé Olé”-Gesängen der Fans umarmt Daltrey ganz zaghaft Townshend. Join together.
The Who spielen The Real Me live in Madrid:
Von außen sieht der Palacio des Deportes Comunidad de Madrid aus wie eine Mischung aus Baumarkt und Museum. Normalerweise spielen hier die Basketballer von Real Madrid. Auch an diesem Abend geht es um Kraft wie bei einem Dunking, um Präzision wie bei einem Drei-Punkte-Wurf und um eine geschickte Taktik wie bei der Zonenverteidigung. Doch mehr als 10000 Fans sind diesmal wegen ganz anderer Größen gekommen: The Who. Die Rock-Giganten spielen in der spanischen Hauptstadt das zweite Konzert ihrer Europa-Tournee, die sie am 9. Juni auch nach Fulda führen wird.
| Und wie sie spielen! Keine Vorwarnung, keine Begrüßung, sofort Vollgas. Schon nach dem ersten Refrain von “I Can’t Explain” verwandeln sich die sechs Leute auf der Bühne in eine Urgewalt, eine Bedrohung, ein Monster. Ganz rechts regiert Pete Townshend, der Thor unter den Gitarrengöttern. Sofort macht er die Windmühle, und unmittelbar wird klar: Dieser Baum von einem Mann kennt kein Erbarmen. Das Zentrum der Bühne gehört dem Sänger. Und dass sich Roger Daltrey nirgends wohler fühlt, daran bleibt kein Zweifel. Es sind viele enthusiastische Leute im Saal. “Who, Who”-Rufe erklingen von Anfang an, ganze Zuschauerblöcke spielen schon beim zweiten Stück “The Seeker” Luftgitarre, ganz am Schluss wird man einen Mann im Business-Anzug sehen, der auf der Stelle springt und beide Fäuste in die Luft reckt. Doch Daltrey stellt sie alle in den Schatten. Er scheint derjenige zu sein, der am sehnsüchtigsten die Rückkehr der Who erwartet hat. Wenn der Sänger klatscht, sein Tamburin verprügelt oder sich mit seinem beeindruckenden Bizeps an das Mikrofon-Stativ klammert, sieht er aus wie das Michelin-Männchen, so viel Energie bricht aus ihm heraus. |
![]() Mit vier Videoleinwänden und sechs Leuten auf der Bühne, die einer Urgewalt gleichen, wird das Konzert zum Spekatakel. |
Die beiden sind unbestritten die Fixpunkte der Show, doch es ist vor allem der Rest der Band, der dafür sorgt, dass man in zwei Stunden kein einziges Mal an Altherren-Rock denken muss. Simon Townshend harmoniert als Rhythmus-Gitarrist prächtig mit seinem Bruder, Bassist Pino Palladino schlüpft unauffällig in die Fußstapfen von John Entwistle, Keyboarder John Bundrick liefert die Raffinesse zu all der Wucht. Doch es ist Schlagzeuger Zak Starkey, Sohn von Beatles-Drummer Ringo Starr, der dafür sorgt, dass The Who auch nach 40 Jahren kein bisschen weniger drängend, aufregend und mitreißend sind als Jungspunde wie beispielsweise die White Stripes. Wenn man schon auf Keith Moon verzichten muss, dann kann es keinen besseren Ersatz geben. Es ist wie bei einer echten Weltklasse-Mannschaft: Selbst wenn sie das Tempo verschleppt, hat das eine enorme Erhabenheit, selbst wenn sie sich phasenweise bloß am eigenen Können ergötzt, stecken Momente der Schönheit darin.
![]() Mehr als 10000 Madrilenen feierten die Band enthusiastisch. |
Natürlich sorgt auch die latente Rivalität zwischen Daltrey und Townshend für Spannung. Selbst, wenn die beiden Protagonisten ganz allein auf der Bühne sind – wie beim akustischen “A Man In A Purple Dress” – halten sie immer etwa drei Meter Sicherheitsabstand zueinander. Als Daltrey den Namen des aktuellen Albums “Endless Wire” mit der darauf befindlichen Mini-Oper “Wire & Glass” verwechselt, wird er von Townshend sarkastisch korrigiert. Und auch als nach einer guten Viertelstunde bei “Who Are You” plötzlich die Lautsprecheranlage ausfällt, ist das ein heikler Moment. Doch das Publikum übernimmt prompt den Gesang und überbrückt die Panne. Von nun an ist es endgültig klar: Dies wird ein besonderer Abend. Mit “Behind Blue Eyes” und dem Wirbelsturm “Real Me” macht die Band den technischen Fauxpas sofort vergessen, die Klavierakkorde von “Baba O’Riley” verwandeln die Halle in ein Tollhaus. “Drowned” bietet Townshend ganz allein zur Gitarre und klingt dabei wie eine ganze Armee. Spektakuläre Projektionen auf vier Leinwänden begleiten das Konzert, die Band zelebriert dabei ihre Ikonographie, reist durch die eigene Geschichte. Und welch riesiges Arsenal an Hits die Who geschaffen haben, wird vor allem zum Ende der Show klar, als “Substitute” ohne Pause in ein stark bearbeitetes “My Generation” übergeht, das in “Won’t Get Fooled Again” mündet. Dem folgt “The Kids Are Alright” als erste Zugabe, bei “Pinball Wizard” singen einige Madrilenen mit der Hand auf dem Herz mit. Und schließlich, nach einem rührenden “Tea & Theatre”, gibt es eine noch rührendere Geste: Zu den ohrenbetäubenden “Olé Olé”-Gesängen der Fans umarmt Daltrey ganz zaghaft Townshend. Join together. |
Interview mit Roger Daltrey
Wenn man einen Prototyp des Frontmanns für eine Rockband sucht, dann kommen dafür nicht viele Leute in Frage. Robert Plant und Steven Tyler vielleicht. Und natürlich Roger Daltrey. Der gelernte Blechschweißer gründete 1961 die Detours, die sich später in The Who umbenannten. Spätestens, seit er in der Verfilmung von Tommy die Hauptrolle gespielt hat, ist er nicht nur die Stimme, sondern auch das Gesicht der Band. Im Gespräch vor dem Konzert in Madrid äußert sich der 63-Jährige locker und gut gelaunt zum eigenen Status, zur nächsten Generation und zu seinem konfliktträchtigen Verhältnis zum Bandkollegen Pete Townshend.
Frage: Die ersten Shows sind gespielt: Wie gefällt Ihnen der bisherige Verlauf der Tour?
Daltrey: Man ist nie komplett zufrieden. Man will eigentlich immer zurück auf die Bühne und das Konzert noch einmal spielen. Wenn ich jemals wirklich jeden Abend hundertprozentig zufrieden mit der Performance wäre, würde ich aufhören. Es ist wie bei einem Maler, der sein Bild auch nie für vollendet hält. Aber irgendwann muss er schließlich aufhören, daran zu arbeiten.
Frage: Sie singen einige Songs des Who-Repertoires nun schon seit 40 Jahren. Wie gehen Sie damit um?
Daltrey: Ich stelle mir bei jedem Konzert vor, dass ich einen Song zum allerersten Mal singe. Ich versuche immer, eine neue Dimensionen darin zu finden. Die Songs von Pete sind, um es vorsichtig auszudrücken, ziemlich kompliziert und außerdem in sehr hohen Tonlagen. Man braucht viel Energie, um sie zu singen. Und daran hat sich für mich nichts geändert.
Frage: Aber bei allem Einsatz zertrümmern Sie keine Instrumente und Mikrofone mehr wie in den 1960ern. Wie stehen Sie rückblickend dazu?
Daltrey: Mir hat das damals echt Spaß gemacht (lacht). Aber es ist schade, dass die Leute darin nicht das erkannt haben, was es war: eine Kunstform. Es ging nicht nur ums Kaputtmachen. Wir haben damit einen Sound geschaffen. Das Geräusch, das entsteht, wenn eine Gitarre zersplittert, war ein Symbol für das, was sich die Menschen damals gegenseitig angetan haben. Die Gitarre schreit auf, als ob sie geschlachtet wird. Ich habe das geliebt.
Frage: Aus der wilden Zeit können Keith Moon und John Entwistle mittlerweile nicht mehr dabei sein. Hatten Sie deshalb Skrupel, als The Who auf Tour zu gehen?
Daltrey: Nein, niemals. Weil es meine Band ist. Ich habe diese Band schließlich gegründet. Als John gestorben ist, haben wir wirklich hart mit uns gerungen; auch damals schon, als Keith gestorben war. Aber die Musik, die wir gemacht haben, ist in vielerlei Hinsicht wichtiger als die Personen, von denen dieser Sound geschaffen wurde. Ich denke, dass Musik, Kunst und Theater die letzten großen Freiheiten sind, die wir in der heutigen Zeit noch haben. Deshalb war es die richtige Entscheidung. Die Idee, für die John und Keith gestanden haben, lebt weiter.
Frage: Warum sollten Teenager heute noch The Who hören?
Daltrey: Ich werde niemandem vorschreiben, welche Musik er zu hören hat. Aber wenn man eine der großen Gitarrenlegenden sehen will und einen der bedeutendsten Pop-Komponisten des vergangenen Jahrhunderts, dann führt kein Weg an Pete Townshend vorbei. Es gibt nur ganz wenige Genies, die so viel für die Musik getan haben. Pete steht da sicher in einer Reihe mit Brian Wilson oder Lennon/McCartney. Und er ist ein völlig eigenständiger Gitarrist. Sein Sound kommt aus dem Nichts, es ist einfach Townshend.
Frage: Wie war es, nach mehr als 20 Jahren wieder mit Pete im Studio zu stehen?
Daltrey: Es war schwierig, vor allem, weil wir kaum zusammengearbeitet haben. Pete hat die Musik gemacht und ich habe dann später dazu gesungen. Ich hasse diese Arbeitsweise, ich bin lieber gemeinsam mit der Band im Studio. Ich mag die Interaktion zwischen den Musikern und was aus ihren Gedanken entsteht, aber Pete möchte die totale Kontrolle haben. Das war schwierig für mich, um es vorsichtig zu formulieren. Es hat keinen Spaß gemacht. Es war, als müsste ich in einem Loch singen. Aber ich bin zufrieden mit dem Ergebnis. Es ist ein gutes Album, aber wenn wir die Songs live spielen, klingen sie besser.
Frage: Wie fühlt es sich an, auch die jüngere Generation im Publikum und auf der Bühne zu haben?
Daltrey: Das ist fantastisch. In den USA hatten wir bei unseren Konzerten gerade die Fans der ersten Stunde im Saal – zusammen mit ihren Kindern und Enkeln. Man sieht, dass die Musik ein Echo in die Welt wirft, das immer wieder zurückkommt. Wenn ich My Generation singe, meine ich damit wirklich meine Generation. Aber junge Leute im Publikum sollen über ihre eigenen Altersgenossen singen, wenn sie diesen Song im Kopf haben. Denn nur so entwickeln wir uns weiter.
Frage: Welche jungen Bands gefallen Ihnen?
Daltrey: Ich verfolge das aktuelle Geschehen genau, auch wegen meiner Benefiz-Konzerte, die ich in England veranstalte. Da gibt es natürlich immer den obligatorischen Alte-Säcke-Abend, aber auch neue Acts. Für dieses Jahr hätte ich gerne die Arctic Monkeys gehabt, aber sie haben leider keine Zeit.
Frage: Die Arctic Monkeys integrieren als Rockband auch Funk und Hip-Hop in ihren Sound. Es scheint zwischen den Genres keine Grenzen und zwischen den Fans keine echten Feindschaften mehr zu geben. In Quadrophenia haben sich dagegen Mods noch Schlachten mit Rockern geliefert. Sind Musikfans einfach toleranter geworden? Oder zeigt das vielleicht, dass ihnen Musik heute nicht mehr so viel bedeutet?
Daltrey: Ich denke, das hat mit der Geschichte zu tun. Die Bands in den 1960ern schienen aus dem Nichts zu kommen. Heute kann man jede Musikrichtung auf ihre Ursprünge zurückführen. Du kannst die Blätter sehen, die Äste, den Stamm und die Wurzeln. Deshalb erkennen die Leute jetzt die Zusammenhänge, sie sind toleranter geworden. Vielleicht ist die Musik heute aber wirklich nicht mehr so bedeutend. Wenn man sieht, dass immer weniger Platten verkauft werden, dann macht mir das Sorgen. Denn kaum etwas kann den Menschen so viel geben wie die Musik.
Frage: Nehmen Sie aus dieser Erkenntnis auch die Stärke, nach 40 Jahren noch immer Musik zu machen und auf Tour zu gehen?
Daltrey: Ja. Ich bin so etwas wie der lebende Beweis. Ohne Musik wäre mein Leben wahrscheinlich ein Desaster geworden. Ich würde wohl immer noch am Fließband in irgendeiner Fabrik stehen und Songs von Elvis Presley und Gene Vincent singen. Musik hat mein Leben gerettet.
Nach dem Interview gab Roger Daltrey erst Recht alles: I Can’t Explain, live in Madrid:
Franch Comté
Die Franch Comté ist nicht nur deshalb sehenswert, weil sie nah an Deutschland liegt. Neben vilfältigen Wanderwegen und einem überraschenden Wassersportangebot locken hier auch kulturelle Höhepunkte. In Belfort steigt einmal im Jahr ein riesiges, kostenloses Musikfestival. Für Architekturfans ist die Kapelle von Ronchamp, entworfen von Le Corbusier, ein Muss. Und für PS-Freaks ist Sochaux eine Reise wert: Im Peugeot-Werksmuseum gibt es alles, was die Firma jemals hergestellt hat.
Hingehört: Arctic Monkeys – “Favourite Worst Nightmare”

"Favourite Worst Nightmare" ist, dankenswerterweise, keine Abrechnung mit dem Ruhm und seinen Folgen.
| Künstler | Arctic Monkeys |
| Album | Favourite Worst Nightmare |
| Label | Domino |
| Erscheinungsjahr | 2007 |
| Bewertung | ****1/2 |
Atlas kann einpacken. Verglichen mit dem Druck, der auf den Schultern von Alex Turner lastete, ist die Welt allenfalls so schwer wie der Bücherschrank von Paris Hilton. Dass der Frontmann der Arctic Monkeys in letzter Zeit ein bisschen schnippisch geworden war (patzige Interviews und eine EP mit dem hübschen Titel Who The Fuck Are Arctic Monkeys?), kann man ihm kaum übel nehmen. Schließlich hat seine Band das bestverkaufte Debütalbum aller Zeiten in Großbritannien veröffentlicht. Nur zur Einordnung: Das bedeutet mehr als die Beatles, mehr als die Spice Girls und mehr als Oasis. Und kaum dem Teenager-Alter entwachsen, muss er nun nachlegen.
Die gute Nachricht: Favourite Worst Nightmare ist so gut, wie der gefeierte Vorgänger bloß geredet wurde. Den Druck hat die Band auf sehr eigene Weise weggesteckt, er hat seine Spuren durch abgebrochene Aufnahmesessions und einen neuen Bassisten hinterlassen. Aber die Jungs aus Sheffield haben es geschafft, ihre Seele zu wahren.
Turner ist weiterhin ein toller Texter (bestes Beispiel: “Who’d want to be man of the people / when there’s people like you” ist am Ende von Teddy Picker ein präziser Schlag in die Magengrube, bevor ein einziger Schlagzeug-Ton dann den K.o. versetzt), und er widersteht der Versuchung, aus dieser Platte eine Abrechnung mit dem Ruhm und seinen Folgen zu machen.
Und musikalisch hat das Quartett einen Quantensprung gemacht. Rhythmisch ist diese Platte so raffiniert, wie man es kaum einmal von einer Rockband hört. Die Arctic Monkeys spielen so tight und souverän wie der Buena Vista Social Club, so schnell und unbarmherzig wie Slayer und so zackig wie, wahrscheinlich, die Stabskapelle der nordkoreanischen Armee.
Sie können jetzt Riff-Monster wie die Single Brianstorm, das famose D Is For Dangerous oder den Knaller If You Were There, Beware. Sie können ganz sanft und zerbrechlich klingen wie im zauberhaften Only Ones Who Know. Sie können so unfassbar funky sein (Old Yellow Bricks), dass Franz Ferdinand daneben aussehen wie ein paar lahme weiße Jungs. Und sie können epische Rausschmeißer (505) spielen, wo in einer Zeile so viel Dramatik steckt wie in einem ganzen Akt von Romeo und Julia.
Am besten sind sie in Fluorescent Adolescent, das als zentrales Stück des Albums gelten kann. “You used to get it in your fishnets, now you only get it in your nightdress”, beginnt Alex Turner zu singen, und so famos auf den Punkt ist das ganze Stück. Die Arctic Monkeys sind noch unfassbar jung, aber man mag kaum glauben, dass sie jemals ein besseres Lied aufnehmen werden. Von einem besseren Album ganz zu schweigen.
Das Video zum unerreichten Fluorescent Adolescent:
Die Arctic Monkeys bei MySpace.
Hingehört: Shout Out Louds – “Our Ill Wills”
| Künstler | Shout Out Louds |
| Album | Our Ill Wills |
| Label | Haldern Pop |
| Erscheinungsjahr | 2007 |
| Bewertung | ***1/2 |
Wenn Steve Martin planen würde, einen Film mit Monty Python zu drehen, dann könnte man davon ausgehen, dass das ein Riesenspaß wird. Wenn Mahmud Ahmadinedschad und Alexander Lukaschenko beschlössen, zusammen einen Staat zu gründen, dann dürfte es dort ziemlich düster zugehen. Und wenn Christof Schlingensief ein Theaterstück mit Klaus Kinski inszenieren wollte, wäre das ziemlich irre (zumal Klaus Kinski tot ist).
Man wusste auch hier, was einen erwartet: Die Shout Out Louds, deren grandioses Debüt Howl Howl Gaff Gaff ein gute-Laune-Garant war, haben ihre neue Platte von Björn Yttling produzieren lassen. Und der ist ein Drittel von Peter, Björn & John, deren Young Folks nicht weniger als der bisher heiterste, unwiderstehlichste, strahlendste Hit des Jahrzehnts ist. Dass hier nicht Trübsal geblasen würde, war also klar.
Und doch ist Our Ill Wills eine Überraschung. Stürmten die fünf Schweden dem Hörer auf dem Vorgänger noch mit offenen Armen entgegen, so schenken sie diesmal nur ein Zwinkern, ein Lächeln. Natürlich ist auch dies eine Sommerplatte, aber keine aus der Mittagshitze oder den lauen Abendstunden. Ein bisschen klingt Our Ill Wills wie der Morgen danach (wenn auch viel unschuldiger): Die Euphorie ist weg, und nun stellt sich die Frage, was überhaupt passiert ist – und was daraus werden soll. Und die Antwort heißt: eine famose Kreuzung aus den Cardigans und The Cure.
Sänger Adam Olenius klingt vor allem in seinen hysterischeren Tonlagen enorm nach Robert Smith. An The Cure erinnert auch die Melancholie, die diese Stücke bei aller Liebe zur Melodie umweht. Und von den Cardigans haben die Shout Out Louds mittlerweile die Verspieltheit übernommen, die ihnen mehr Freiheiten gibt, als Michel von Lönneberga sie sich je hätte erträumen können.
Da tobt sich gleich zu Beginn im schwungvollen Tonight I Have To Leave It ein Glockenspiel aus. You Are Dreaming vereint eine New-Order-Gitarre mit einer himmelsstürmenden Carpenters-Melodie. Das verschlafene Blue Headlights singt Keyboarderin Bebban Stenborg ganz zuckersüß. Wuchtige Drums und flirrende Gitarren harmonieren im grandiosen Time Left For Love ganz prächtig.
Meat Is Murder (kein Smiths-Cover) ist komplett akustisch und ganz und gar untröstlich. Das rotierende Hard Rain wird zum epischen Rausschmeißer in bester Seagull-Tradition.
Im besten Stück der Platte, Impossible, kommt alles zusammen: ein Monster-Refrain, eine riesige Sehnsucht, ein Xylophon-Solo. Ein bisschen düster, ein bisschen irre. Und ein Riesenspaß.
Herrlich romantisch: Das Video zum famosen Impossible:




































