Hingehört: Oberhofer – “Time Capsules II”

Mai 21, 2012 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
Ein einfaches Konzept hat Oberhofer für sein Debüt "Time Capsules II": Hits galore.

Ein einfaches Konzept hat Oberhofer für sein Debüt "Time Capsules II": Hits galore.

Künstler Oberhofer
Album Time Capsules II
Label Glassnote
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***1/2

Es gibt wenig in der Musik von Brad Oberhofer, das man als “Mysterium” bezeichnen könnte. “Oberhofer sounds like he’s expressing the kind of happy, life-affirming jitters you get when waiting on line for a roller coaster, or when you win concert tickets on the radio”, hat Pitchfork über ihn geschrieben, und das trifft es ganz gut.

Mit anderen Worten: Dieser Mann macht Hits, aufmunternde, energische Indiepopsongs. Ich habe nichts dagegen: Ich mag die Kooks, Fountains Of Wayne, die Kaiser Chiefs, die Wombats. Ich mag sogar die dämlichen Pigeon Detectives. Genau in diese Reihe darf man Oberhofer einordnen, die offiziell ein Quartett sind. Allerdings hat der 21-jährige Brad Oberhofer, der aus Tacoma, Washington stammt und jetzt in Brooklyn lebt, auf diesem Debütalbum fast alles selbst eingespielt.

Und das will etwas heißen. Denn es ist gerade die opulente und fantasievolle Instrumentierung, die Time Capsules II davor bewahrt, vor lauter guter Laune zu eindimensional zu werden. Es gibt oft ein wuchtiges Fundament, aber dazu immer leichte Melodien oder filigrane Passagen von Flöte, Xylophon oder Oboe. Man kann da gerne an Ben Kweller denken oder an Bright Eyes, man darf auch gewiss sein, dass Star-Produzent Steve Lillywhite (U2, Morrissey, Rolling Stones) seinen Anteil an diesem faszinierenden Klangspektrum hat.

Alles wird auf Time Capsules II zum maximalen Effekt gebracht, und genau deshalb funktioniert diese Platte so unmittelbar. Landline beispielsweise ist sofort ein Hit, steigert sich dann immer weiter und klingt wie Weezer, wenn die weniger Metal und dafür mehr Springsteen gehört hätten. Away Frm U hat einen ähnlich packenden Drive und ein paar amüsant spacige Spielautomaten-Sounds.

I Could Go ist fast kindisch gut gelaunt, das famose Cruisin’ FDR sogar himmelhochjauchzend. Das restlos euphorische oOoO trägt den Inhalt seines Refrains schon im Titel, und auch sonst haben Oberhofer erfreulicherweise kein Problem damit, ihre Texte auf ein „ohoho“ oder „uhuhu“ zu beschränken. Auch eine schamlos offenherzige Liebeserklärung wie Gold oder eine sentimentale Hymne auf die Heimat wie der Rausschmeißer Homebro sind hier gern genommen.

Nur der Opener Heart versteckt ein bisschen von seiner Substanz unter der Oberfläche, weil er als schwermütige Pianoballade beginnt, dann zum schrägen Seemannslied im Stile von Port O’Brien wird und als Kirmesmusik endet. Auch Yr Face enthält zumindest ein kleines Rätsel, nämlich die Preisfrage, bei welchem Lied hier die Melodie der Strophe geklaut ist (Antwort: Chasing Cars von Snow Patrol). Ein kitschiger Wunsch wie „I want to build a house with you”, wird dann immerhin in einen Songtitel namens Haus verkleidet, auch wenn das womöglich nur daran liegt, dass die deutsche Schreibweise in Brooklyn ein Stückchen cooler wirkt.

Eine große Leidenschaft für Pop steckt in dieser Musik, in bester Sixties-Tradition. Die wird übrigens auch im Cover deutlich: Eine Schwarz-Weiß-Collage vor einem Bergmassiv ist da zu sehen, und davor eine Reihe junger Frauen in Retro-Ästhetik, die anscheinend so etwas zum Ausdruck bringen wollen wie „We salute you.“ Da darf man sich gerne einreihen.

Oberhofer spielen Away Frm U live bei, ähm, Lttrmn:

Oberhofer bei MySpace.

Draufgeschaut: Booty Call

Mai 21, 2012 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Bunz (Jamie Foxx, links) und Rushon (Tommy Davidson) sind dabei, ihre Dates zu vermasseln.

Bunz (Jamie Foxx, links) und Rushon (Tommy Davidson) sind dabei, ihre Dates zu vermasseln.

Film Booty Call
Produktionsland USA
Jahr 1997
Spielzeit 76 Minuten
Regie Jeff Pollack
Hauptdarsteller Jamie Foxx, Tommy Davidson, Vivica A. Fox, Tamala Jones
Bewertung **1/2

Worum geht’s?

Seit sieben Wochen sind Rushon und Nikki ein Paar. Diesmal sind sie zum Essen verabredet und jeder von ihnen hat jemand mitgebracht: Bunz und Lysterine sind die jeweils besten Freunde und sollen im Idealfall gleich mit verkuppelt werden. Doch das erweist sich als schwierig: Die elegante Lysterine ist geschockt von den schlechten Manieren von Bunz. Und dann kommt auch noch heraus, dass er Rushon mit einer Wette angestachelt hat, an diesem Abend endlich zum ersten Mal mit Nikki zu schlafen. Aus dem romantischen Blind Date wird so eine chaotische Nacht.

Das sagt shitesite:

Booty Call beginnt unsagbar plump und platt: Alles steuert hier auf eine Beziehungsgeschichte zu, doch der scheinen schnell die klischeehaften Figuren und unglaubwürdigen Dialoge (denen in der synchronisierten Version auch noch der typisch schwarze Wortwitz verloren geht) im Wege zu stehen. Früh muss man dankbar sein, dass man es hier bei einer Spielzeit von gerade einmal eineinviertel Stunden mit einem äußerst kurzen Spielfilm zu tun hat.

Doch nach einem Drittel dieser Zeit kriegt Booty Call die Kurve. Und zwar, indem die Komödie nicht mehr versucht, Romantik zu bedienen oder gar authentische Figuren zu entwickeln. Die Stereotype werden stattdessen genutzt, um den Kampf der Geschlechter aufs Korn zu nehmen, und vor allem bekommt die Handlung dank des coitus interruptus als Running Gag eine absurde Dynamik, die an Ey Mann, wo ist mein Auto denken lässt. Mit viel Slapstick und derbem Humor à la American Pie wird in Booty Call die maximale Eskalation herbeigeführt – und das ist dann doch ganz amüsant.

Bestes Zitat:

“Deshalb bin ich ein Befürworter der Einwanderungsreform: Kaum seid ihr vom Schiff runter, schon fangt ihr an, die Leute zu verarschen.”

Der Trailer zum Film:

Hingehört: SoKo – “I Thought I Was An Alien”

Mai 20, 2012 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
Mit "I Thought I Was An Alien" legt SoKo ein offenherzerweichendes Debüt vor.

Mit "I Thought I Was An Alien" legt SoKo ein offenherzerweichendes Debüt vor.

Künstler SoKo
Album I Thought I Was An Alien
Label Babycat Records
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***1/2

Machen wir uns nichts vor. Es geht hier nicht um die Musik. „Im Grunde ist alles, was ich tue: mich auf meiner Gitarre ausheulen“, sagt SoKo. Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen.

So gibt auf es auf ihrem Debütalbum I Thought I Was An Alien denn auch reichlich Lieder, die entsprechend reduziert klingen. Der Opener I Just Want To Make It New To You hat einen Kinderkeyboardschlagzeugbeat und ein bisschen amateurhaften Bass (beides bekam SoKo übrigens von Stella Mozgawa geschenkt, der Drummerin von Warpaint). Der Titelsong als schüchternes Liebeslied kommt über weite Strecken mit bloß zwei Akkorden aus, der Rausschmeißer You Have A Power Over Me klingt wie ein Demo, das zerbrechliche No More Home, No More Love ist eines von mehreren Liedern, das nur aus Gitarre und Gesang besteht.

Freilich waren Virtuosität oder üppige Instrumentierung noch nie die Eigenschaften, die SoKo ausgemacht haben. Bei Stephanie Sokolisnki, geboren 1986 in Bordeaux, dann in Paris zuhause und seit 2008 in Los Angeles beheimatet, geht es um die Texte. „Wenn mich Leute noch meinem Musikstil fragen, antworte ich, dass ich vertonte Punk-Geheimnisse erzähle“, sagt sie, und das ist kein schlechter Fingerzeig. SoKo steht für den Willen zur Veränderung, für Wut, Radikalität, Spontaneität und Mut, aber auch für Verletzlichkeit.

Ihre Musik bringt wunderbar die Suche nach Orientierung, Sinn, Liebe auf den Punkt, die man ihrer Generation so gerne unterstellt. Es ist ein Lebensgefühl des Relativen, Ungefähren, Vorläufigen. Das macht es nicht nur schwierig, einen Standpunkt zu beziehen, sondern auch, einen Gegner zu bestimmen, gegen den man rebellieren könnte, um sich wenigstens darüber zu definieren. „Half folky / half punky, half french / half polish, half actress / half music-nerd, half singing / half talking, half dreaming / half dancing, half joking / half deep, half tearful / half crazy, half wise / half child, half orchestral / half lo-fi, half depressed / half joyful, half funny / half touching, half cat / half tiger, half sing along / half sing alone”, lautet bezeichnenderweise die Selbstbeschreibung von SoKo. Der möchte sie gerne noch hinzufügen: „komplett wild, komplett vegan und immer unberechenbar“.

Es ist die famos romantische Lyrik von SoKo, die ein perfektes Ventil dafür wird. Und es ist eine Freude, sie anhand dieser Texte beim Leben, Lieben und Lernen zu begleiten. „You will discover me through my songs”, kündigt sie in der ersten Zeile des Albums an, “learn my heartbreaks and fears and depression / hear all the cracks and the lack of talent / and I hope that you don’t hate me by then.”

Diese schmerzhafte Offenheit gibt es reihenweise auf I Thought I Was An Alien, sodass man sich mitunter wie ein Spanner vorkommen muss. In First Love Never Dies stürzt sich SoKo kopfüber in Nostalgie und Liebeskummer, begleitet von Orgel, Bläsern und der allerersten Liebe. Treat Your Woman Right ist eine bitterböse Abrechnung, die trotzdem keine Genugtuung verschafft, fast nur mit Gitarre und Gesang und der Intensität von Leonard Cohen.

In Don’t You Touch Me muss sie erkennen, dass so viel Ehrlichkeit nicht unbedingt der Normalfall bei ihren Mitmenschen ist. „I stayed pure as a dove for you my love / but you are a werewolf / aren’t you my love?”, lautet ihr Verdacht, und sie bringt ihn ausnahmsweise fast trotzig und aggressiv hervor, wie sich Kate Nash das neuerdings auch gerne mal erlaubt. Auch im ebenso putzigen wie herzzerreißenden Happy Hippie Birthday klammert sie sich an eine Liebe, die sich schon alleine dadurch erfüllen sollte, weil sie so stark daran glaubt, und doch ist da bereits die Ahnung, dass alle Hoffnung hier vergebens ist.

Glücklicherweise wird dieser Tagebuch-Charakter gepaart mit Rätseln wie dem beinahe verträumten People Always Look Better In The Sun (Part 1). Die zentrale Zeile von I’ve Been Alone Too Long heißt “I’m still looking for my father / so I cannot have a lover now”, und SoKo singt sie zu einer spannungsgeladenen Begleitung zuerst so, als sei ihr diese Erkenntnis gerade erst gekommen, genau in diesem Moment, und danach so, als wolle sie sich selbst darin bestätigen, dass es die Wahrheit ist, vielleicht sogar die Antwort auf alles.

Natürlich gibt es auch wundervolle Lebensweisheiten, sie so rührend und schlau sind, dass man beinahe heulen möchte: In We Might Be Dead By Tomorrow steckt eine davon, umgarnt von wenigen Paukenschlägen und himmlischen Streichern: “I don’t want to judge / what’s in your heart / but if you’re no ready for love / how can you be ready for life ?“ Noch ein göttlicher Vers fürs Poesiealbum steckt in Destruction Of The Disgusting Ugly Hate, das mit tollem Gesang und ganz viel Energie zum Höhepunkt dieser Platte wird. „I got a tattoo on my heart / your name is written in black / you have tattoos everywhere / but my name is not there.” Wenn PJ Harvey einmal nichts mehr fühlen sollte als Schmerz oder The Duke Spirit sich an die endgültige Ballade wagen sollten, dann könnte das so ähnlich klingen.

Das beeindruckendste der 15 Lieder auf I Thought I Was An Alien ist jedoch For Marlon, in dem SoKo vom vergeblichen Versuch erzählt, einen Süchtigen zu lieben, bis ihr klar wird, dass für ihn doch immer seine Drogen an erster Stelle stehen werden. Am Ende klingt diese Liebeserklärung wie eine Bitte um Vergebung, zugleich bedroht und verängstigt. Auch da ist wieder nur Gitarre und Gesang zu hören, trotzdem stecken ganz viel Dramatik und Emotion in diesem Lied. „If you get sober / I will be here for you”, heißt das Versprechen, doch das “if” zieht SoKo darin so sehr in die Länge, dass darin eine ganze Welt des Zweifels und Bangens steckt.

Diese Perfektion im Detail erklärt womöglich auch, warum SoKo so verdammt lange für ihr erstes Album gebraucht hat, nachdem sie mit ihren ersten Demos schon 2007 für reichlich Furore gesorgt hat. Offensichtlich war sie auch klanglich lange Zeit auf Sinnsuche, bis die Aufnahmen mit Produzent Fritz Michaud (Elliott Smith) im Jahr 2010 begannen. Der Rat eines guten Freundes wies ihr schließlich den Weg: „Das Album sollte so wie Du klingen.“ Ein besseres Erfolgsrezept scheint es für SoKo nicht geben zu können.

SoKo spielt I’ve Been Alone Too Long:

SoKo bei MySpace.

Durchgelesen: David Guterson – “Ed King”

Mai 20, 2012 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 
David  Guterson macht "Ed King" zum Ödipus für das Internet-Zeitalter.

David Guterson macht "Ed King" zum Ödipus für das Internet-Zeitalter.

Autor David Guterson
Titel Ed King
Verlag Hofmann und Campe
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***

Mit Wunderknaben kennt sich David Guterson aus. Manche halten ihn selbst für einen. Gleich mit seinem ersten Roman Schnee, der auf Zedern fällt landete der Amerikaner 1994 einen weltweiten Bestseller. Auch sein neustes Werk verkauft sich blendend, zumindest in Deutschland. Diesmal ist seine Titelfigur ein Wunderknabe: Ed King.

Ed King ist der Sohn von Walter Cousins, einem 34-jährigen Versicherungsstatistiker und Familienvater, und Diane Burroughs, seinem 15-jährigen Au-Pair-Mädchen, das aus England in die USA gekommen ist. Die Affäre ist eher von Neugier als von Leidenschaft getrieben. Als Diane schwanger wird, herrscht auf beiden Seiten die blanke Panik. Danach gibt es zwischen Walter und Diane nur noch Verbitterung.

Walter will Diane erst zur Abtreibung drängen. Dann versteckt er sie in einem Ferienhaus, schließlich soll sie das Kind zur Adoption freigeben. Doch die Mutter flieht mit dem Neugeborenen und setzt es schließlich vor der Tür wildfremder Leute aus. Niemand weiß von den wahren Eltern des Babys.

Von da an verfolgt David Guterson die Spur seiner Figuren. Walter versucht, wieder in sein bürgerliches Leben zurückzukehren. Diane will ihre Jugend genießen und das Beste aus ihrer Schönheit machen. Und der gemeinsame Sohn wächst in einer jüdischen Familie auf, die ihn adoptiert, ohne ihm etwas davon zu sagen. Ed King wird erst zur Sportskanone, dann zum Rebell und Frauenhelden, schließlich zum Mathematik-Genie und Software-Krösus.

Es gibt große Sprünge in dieser Handlung, die 1962 beginnt und bis in die Zukunft reicht. Immer wieder lässt Guterson eine seiner Figuren aus den Augen, um sie dann wieder in den Plot zurückzuholen. Doch das schadet dem Buch keineswegs. Denn der Autor hat eine Ausgangssituation geschaffen, aus der gerade wegen dieser Auslassungen ein feines Geflecht aus Beziehungen, Sehnsüchten und Schuldgefühlen erwachsen kann.

Der Leser weiß schon aus dem Klappentext, dass Guterson hier eine Neuinterpretation des Ödipus-Mythos geschrieben hat, doch das nimmt Ed King nichts von seiner Spannung. Wie Walter seinen Fehltritt scheinbar ignoriert, wie Diane versucht, die Lücke in ihrem Leben mit Oberflächlichkeiten zu füllen, und wie Ed sein Leben in die Hand nimmt, ohne etwas von seiner Herkunft zu ahnen, das ist fein konstruiert.

Dabei profitiert Ed King auch davon, dass sich Guterson kein Urteil anmaßt, obwohl bezeichnenderweise keine seiner Figuren als besonders anständig gelten kann. Dazu passt seine enorm nüchterne Sprache, die auch dann keinen Anflug von Poesie bekommt, wenn eine der vielen erotischen Szenen erzählt wird. Egal, ob es um Sex mit einer Minderjährigen geht, um Mord, Betrug oder Erpressung: Der Autor begegnet seinen Protagonisten immer mit einem hohen Maß von Verständnis.

Als nach knapp 300 Seiten der verhängnisvolle Sex zwischen Ed und Diane bevorsteht, auf den der Plot so lange hingearbeitet hat, unterbricht er die Handlung plötzlich, wechselt auf eine Meta-Ebene und spricht den Leser direkt an mit einer Reflexion über Moral. Das ist ein netter Kunstgriff, der dem Leser noch einmal zum Luftholen kommen lässt, bevor das schier atemlose Finale ansteht.

Nur ein Manko hat Ed King: Gelegentlich wirkt das Buch, als hätte sich Guterson, der den Erfolg seines Debütromans bisher nicht wiederholen konnte, ein wenig zu sehr nach dem Etikett «great American novel» gesehnt. Der Roman erzählt nichts anderes als die jüngere Geschichte der USA. Am Beginn sind gerade die Nachkriegsjahre überwunden, am Ende, irgendwo in der Mitte unseres Jahrzehnts, wird Ed King zu Science Fiction. Elvis, Vietnam und Kennedy sind vertreten, es gibt unmissverständliche Anspielungen auf Steve Jobs oder Bill Gates.

Guterson will offensichtlich möglichst viele der großen Themen unserer Zeit in dieses Buch packen, von der Patientenverfügung über Schönheits-OP-Wahn bis zur Allmacht der Suchmaschinen. Dazu kommen auch noch Anspielungen auf diverse Bücher, Filme oder Lieder und ein kleiner Trick, mit dem sich Guterson selbst in die Handlung schummelt. Das ist mitunter doch ein bisschen viel des Guten, denn nicht immer wirken die Volten seiner Handlung dann noch plausibel.

Trotzdem ist Ed King ein gelungener, sehr unterhaltsamer Roman. Das Buch wird Zeitgeschichte, Sozialsatire und Sinnsuche zugleich. Irgendwo zwischen dem Streben nach Glück, einer guten Dosis Neoliberalismus und der unvermeidlichen Gottesfürchtigkeit versuchen die Figuren hier, ihren Weg zu gehen, und sie werden bitter bestraft, sobald sie von diesen Leitlinien abweichen. Damit zeigt Ed King wohl auch, dass der Mythos des American Dream mindestens so mächtig ist wie der von Ödipus.

Bestes Zitat: „Für mich ist ein adoptiertes Kind ähnlich wie ein Jude, versteht ihr? Ohne eigenes Land, weil er zwei Länder hat, sein Heimatland und das Gelobte Land. ,Nächstes Jahr in Jerusalem’ – vielleicht sagt ein Adoptivkind das Gleiche, vielleicht denkt es, dass irgendetwas fehlt, dass immer irgendetwas nicht stimmt oder nicht ganz passt und dass es eine unerklärliche Sehnsucht empfindet.“

Diese Rezension gibt es auch auf news.de.

Draufgeschaut: Per Anhalter durch die Galaxis

Mai 20, 2012 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Arthur Dent (Martin Freeman) sucht mit seinem Freund Ford Prefect (Mos Def, rechts) nach der großen Frage.

Arthur Dent (Martin Freeman) sucht mit seinem Freund Ford Prefect (Mos Def, rechts) nach der großen Frage.

Film Per Anhalter durch die Galaxis
Produktionsland Großbritannien
Jahr 2005
Spielzeit 92 Minuten
Regie Garth Jennings
Hauptdarsteller Martin Freeman, Mos Def, Sam Rockwell, Zooey Deschanel, Helen Mirren, Bill Nighy, John Malkovich
Bewertung ****

Worum geht’s?

Arthur Dent hat ein Problem: Er wacht morgens auf und bekommt mitgeteilt, dass sein Haus abgerissen wird, um einer Umgehungsstraße zu weichen. Wenig später werden die schlechten Nachrichten aber noch schlimmer: Die Zerstörung der Erde steht unmittelbar bevor. Glücklicherweise erweist sich Arthurs Freund Ford Prefect als Außerirdischer, der ihn rechtzeitig rettet. Die beiden reisen fortan per Anhalter durch die Galaxis – auf der Suche nach der Antwort auf die größte aller Fragen.

Das sagt shitesite:

Es ist beinahe Masochismus, sich an die Verfilmung einer derart abgöttisch verehrten Vorlage wie der von Douglas Adams zu wagen. Die Kritik all derer, die bemängeln, Per Anhalter durch die Galaxis werde dem Original nicht gerecht, ließ dann auch nicht lange auf sich warten. Trotzdem ist der Film mehr als gelungen, denn er kann die wichtigsten Zutaten von Douglas Adams durchaus sein Eigen nennen: technologische Verspieltheit, großen Spaß an absurdem Humor und vor allem die Botschaft, dass wir angesichts der Unermesslichkeit des Alls weder unseren Planeten noch unsere Spezies allzu wichtig nehmen sollten.

Per Anhalter durch die Galaxis profitiert am meisten von dem ironischen Grundton, der hier unterlegt ist und sich über Religion ebenso gerne lustig macht wie über Bürokratie oder die Liebe. Die famos fantasievolle Requisite, die an Mars Attacks! denken lässt und immer wieder uralte Raumfahrt- und Computer-Ästhetik integriert, ist die optische Entsprechung davon. Vor allem aber gelingt, auch wenn sich niemals wirklich so etwas wie Spannung einstellt, ein sehr netter Mix aus Philosophie, Science Fiction und Satire.

Bestes Zitat:

“Das hier ist eine verdammt harte Galaxis. Wenn man hier überleben will, muss man immer wissen, wo sein Handtuch ist.”

Der Trailer zum Film:

Hingehört: And Also The Trees – “Hunter Not The Hunted”

Mai 19, 2012 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
Herbstabendmusik und Doors-Ersatz - so klingt "Hunter Not The Hunted".

Herbstabendmusik und Doors-Ersatz - so klingt "Hunter Not The Hunted".

Künstler And Also The Trees
Album Hunter Not The Hunted
Label Normal Records
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***

Erst 70 Jahre nach dem Tod des Autors endet der Urheberrechtsschutz. Es sind also noch knapp 30 Jahre zu überstehen, bis sich jeder, wirklich jeder, über das Werk von Jim Morrison hermachen kann.

Gut also, dass es noch immer And Also The Trees gibt. Die Band, 1979 im beschaulichen Inkberrow/Worchestershire gegründet, ist mittlerweile der beste Doors-Ersatz, den man bekommen kann. Das liegt natürlich in erster Linie an der Stimme von Simon Jones. Von Singen kann man bei diesem Mann kaum sprechen: Er croont, er beschwört, er predigt. Die Texte wimmeln vor Metaphern über das Landleben und längst vergangene Zeiten. Und sein Bruder Justin Jones hat dazu immer wieder Gitarrenklänge zu bieten, als sei The End ein eigenes musikalisches Genre.

Mystisch, düster und erotisch aufgeladen ist Hunter Not The Hunted, das in einem Studio in England und einem verfallenen Haus in Frankreich aufgenommen wurde. Es gibt kaum mehr eine Katharsis aus Energie und Lärm, wie das früher bei And Also The Trees üblich war. Stattdessen bleiben Songs wie Burn Down This Town sehr reduziert und meist akustisch. Womöglich ist das der Einfluss des Vorgängeralbums When The Rains Come, auf dem die Band Akustikversionen ihrer alten Klassiker versammelt hatte.

Trotz dieses Minimalismus entwickelt jedes Lied eine ganz eigene Spannung, wie man das beispielsweise von Woven Hand kennt, und auch als Album hat Hunter Not The Hunted eine tolle Dynamik. Bloodline beispielsweise wogt wie die Wellen des Flusses, der hier besungen wird, integriert dezent mediterrane Einflüsse von Fado bis Sirtaki und hat auch noch einen Chor zu bieten, der beinahe nach den Donkosaken klingt.

My Face Is Here In The Wildfire (irgendwo im Père Lachaise rotiert jetzt womöglich jemand, weil ihm diese Zeile nie eingefallen ist) braucht nur Gitarre und Gesang, um ganz viel Verlorenheit, Tiefe und Unermesslichkeit zum Ausdruck zu bringen. Black Handled Knife pulsiert und pocht, als sei es in einem freischwebenden Magnetresonanztomographen aufgenommen, The Knave ist noch so ein sanft schunkelnder Sehnsuchtssong. The Woman On The Estuary könnte Leonard Cohen oder Scott Walker neidisch machen, Nick Cave hätte sicher gerne das eine oder andere Rendezvous mit der Whiskey Bride gehabt.

Unterm Strich ist das tolle Herbstabendmusik und in seiner konsequent melancholischen Romantik tausend Mal glaubwürdiger als all der Murks, den Interpol seit Jahren mit derselben Intention abliefern.

Auch das Outfit passt zu Mr. Morrison: And Also The Trees spielen The Woman On The Estuary:

And Also The Trees sind gerade live in Deutschland zu erleben:

18. Mai: Köln, Luxor

21. Mai: Hamburg, Knust

22. Mai: Berlin, Lido

23. Mai: Essen, Grend

24. Mai: Freiburg, Café Atlantik

And Also The Trees bei MySpace.

Draufgeschaut: Nachbarinnen

Mai 19, 2012 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Jola (Grazyna Szapolowska) sucht bei Dora (Dagmar Manzel) Unterschlupf.

Jola (Grazyna Szapolowska) sucht bei Dora (Dagmar Manzel) Unterschlupf.

Film Nachbarinnen
Produktionsland Deutschland
Jahr 2004
Spielzeit 92 Minuten
Regie Franziska Meletzky
Hauptdarsteller Dagmar Manzel, Grazyna Szapolowska, Jörg Schüttauf, Berndt Stübner
Bewertung ***1/2

Worum geht’s?

Seit ihr Ehemann verschwunden ist, lebt Dora alleine in einer Plattenbauwohnung in Leipzig. Sie feiert ein bisschen mit den Leuten aus dem Haus und konzentriert sich ansonsten auf ihren Job als Postbotin und die Pflege ihrer Kakteen. Eines Abends steht plötzlich Jola in ihrer Wohnung, die eine Etage höher wohnt: Die Polin arbeitet als Kellnerin und glaubt, im Streit versehentlich ihren Chef erschossen zu haben. Sie will sich nicht der Polizei stellen, weil ihr dann die Ausweisung droht. Dora, die eigentlich gerade mit ihrer Schwester in den Urlaub aufbrechen wollte, nimmt sie bei sich auf.

Das sagt shitesite:

Dagmar Manzel schafft es als Dora fast ganz alleine, diesen Film zu tragen: Diese wortkarge Amazone, die ihren Liebeskummer am liebsten mit dem Handstaubsauger beseitigen würde, ist vor allem dank ihres Spiels eine beeindruckende Figur. Dora begegnet der sinnlichen Jola zunächst skeptisch, dann wird die Fremde zur Komplizin, zur Freundin und zu noch mehr – und es ist eine Freude, den beiden Hauptdarstellerinnen bei dieser Entwicklung zuzuschauen.

Nachbarinnen, das die Hochschul-Abschlussarbeit von Regisseurin Franziska Meletzky ist, gefällt aber auch als faszinierende Geschichte über einen intakten Kiez, der doch keinen Schutz vor Vereinsamung bieten kann. Und vor allem als sehr gut beobachteter Blick in die weibliche Psyche.

Bestes Zitat:

“Wer liebt, riskiert zu leiden. Wer nicht liebt, leidet schon.”

Der Trailer zum Film:

Hingehört: Kommando Elefant – “Scheitern als Show”

Mai 19, 2012 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
Kommando Elefant vermählen die Sportfreunde mit Systemkritik.

Kommando Elefant vermählen die Sportfreunde mit Systemkritik.

Künstler Kommando Elefant
Album Scheitern als Show
Label LasVegas Records
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung **1/2

In genau einer Woche spielen die Sportfreunde Stiller in Hamburg. Die 300 Tickets für das Konzert im Molotow in St. Pauli sind längst ausverkauft. Wem das noch nicht reicht für die These, dass die Münchner auch im 776 Kilometer von ihrer Heimat entfernten Norden ankommen: Im Dezember 2010 waren die Sportfreunde in der Hamburger O2 World zu Gast, Kapazität 16.000 Plätze.

Kein Wunder also, dass sie auch locker 400 Kilometer nach Südosten abstrahlen können. Bis nach Wien. Dort sind Kommando Elefant zuhause, und die machen auf ihrem dritten Album Scheitern als Show in etwa das, was die Sportfreunde in Deutschland so groß gemacht hat: klassischen Poprock, bestens geeignet fürs Radio, kraftvoll, mitreißend und eingängig.

„Wir sind auf der guten Seite“, singen sie in einer Zeile von Ein schöner Tag – das war einst der Slogan der Münchner – und die Musik dazu wirkt wie eine Neuauflage von Wellenreiten. Am deutlichsten ist die Parallele aber im hübsch hymnischen Ozean: Der Text spielt zwar auf Ton Steine Scherben an, die Musik klingt aber wie eine Mischung aus Im Dunkeln von Madsen und In unmittelbarer Ferne von den Sportis.

Das ist zumindest der erste Eindruck. Auf den zweiten Blick stellt man dann aber doch zwei wichtige Unterschiede zwischen diesen beiden Bands fest. Erstens: Kommando Elefant verstehen sich nicht bloß als Band, sondern als Gesamtkunstwerk. Die vierköpfige Besetzung wird mit Stefan und Michael Tiefengraber auch durch zwei Mitglieder ergänzt, die für das visuelle Musikerlebnis zuständig sind, zudem steht Bandleader Alf Peherstorfer inmitten eines umtriebigen Netzwerks inklusive eigener Plattenfirma. Zweitens: Wo die Sportfreunde Stiller meist das große Einverstandensein zum Prinzip, vielleicht sogar zu ihrem Erfolgsgeheimnis gemacht haben, da werden Kommando Elefant ungemütlich. Sie sind dagegen.

„Und die Welt brennt / das ist Entertainment“, heißt die erste Zeile auf Scheitern als Show. Mit Castingsformaten wird da abgerechnet, mit Wegwerf-Politik und der allgemeinen Leere. Ein Pfeifen und eine Liquido-Orgel gaukeln gute Laune vor, und wenn am Ende ein ganzer Chor die Worte D.A.S.I.S.T.O.K. buchstabiert, dann ist der herrlich over the top und die perfekte Form für diesen, nunja, Protestsong.

Wer das schon überambitioniert findet, sollte gewarnt sein: Von da an entwickelt sich Scheitern als Show zu einem Konzeptalbum. Die Anziehungskraft des Scheiterns, verbunden mit unserem allgegenwärtigen Voyeurismus, wird in elf Songs seziert. Den Reiz dieser Kombination erklärt sich Alf Peherstorfer damit, dass „man sich abgrenzen kann, damit mein kleines Leben größer und schöner erscheint als das der anderen“.

Vor diesem Hintergrund werden Figuren wie die Sternenmarie eingeführt, deren Drogenrausch mit Orgel und Selig-Psychedelik vertont wird. Jennifer stürzt sich lieber mit Garagenrock in den Abgrund. In Michaelas Tanzbar schwingt man das Bein hingegen zu Quasi-Country, der an das jüngste Kettcar-Album erinnert.

Ansonsten gibt es auf Scheitern als Show, das in der zweiten Hälfte hörbar abbaut und sich gelegentlich auch ein bisschen arg schlau vorkommt, auch ganz normale Liebeslieder. Dein Fallendes Herz wird ein gebührend opulenter Rausschmeißer. Fluchtpunkt Kairo, inspiriert von einem Håkan-Nesser-Roman, lebt den Traum vom Abtauchen in die Anonymität, derart heiter und zackig, als hätten Superpunk neuerdings einen Sänger, der Nichtraucher ist. Das allerletzte Liebeslied ist fast akustisch und dürfte alle glücklich machen, die Virginia Jetzt nachtrauern. Und mit Wir sprengen Krokodile gibt es einen irren Track, der Deichkind mit einer sehr zynischen Variante von Franz Ferdinand vermählt, und die Popstar-Karriere als Selbstzweck geißelt.

Das Angenehme dabei: Kommando Elefant werden niemals belehrend, sondern schließen sich selbst gerne in ihrer Kritik ein. Das sehr amüsante Ich bin ein Arschloch ist das beste Beispiel dafür. Die Musik klingt, als würde sich Funny van Dannen an einem NDW-Track versuchen, der Text entlarvt die Strategie, sich freiwillig selbst als Arschloch zu titulieren – um dann erst recht einen Freifahrtschein für Schlechtigkeiten zu haben. Ein bisschen sind Kommando Elefant nicht zuletzt auch selbst an dieser Platte gescheitert: Als sie das ganze Material für Scheitern als Show im Kasten hatten, musste aussortiert werden – und ausgerechnet der Titelsong schaffte es dann nicht mehr ins endgültige Tracklisting.

Die schlechtesten Plattencover aller Zeiten vereinen Kommando Elefant im Video von Wir sprengen Krokodile:

Kommando Elefant bei MySpace.

Draufgeschaut: Belle Epoque

Mai 18, 2012 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Die vier Töchter von Don Manolo verdrehen Fernando den Kopf.

Die vier Töchter von Don Manolo verdrehen Fernando den Kopf.

Film Belle epoque
Produktionsland Spanien/Portugal
Jahr 1992
Spielzeit 110 Minuten
Regie Fernando Trueba
Hauptdarsteller Jorge Sanz, Penélope Cruz, Ariadna Gil, Miriam Díaz Aroca, Maribel Verdú, Fernando Fernán Gómez, Gabino Diego
Bewertung ****1/2

Worum geht’s?

Der Winter 1930/32 ist in Spanien von einer einzigen Frage geprägt: Monarchie oder Republik? Fernando, der gerade aus der Armee desertiert ist und beim alten Don Manolo unterkommt, hat aber bald noch eine ganz andere Entscheidung zu treffen. Die vier Töchter von Don Manolo kommen über den Sommer zu Besuch, und sie alle verdrehen ihm den Kopf.

Das sagt shitesite:

Traumhafte Musik, eine wundervolle Requisite, lauter schöne Menschen: Regisseur Fernando Trueba zieht alle Register, um aus Belle Epoque ein herrliches Kino-Erlebnis zu machen.

Ein so flüchtiges Wort wie “Flirt” wäre viel zu ordinär, um zu beschreiben, welcher Situation sich Fernando inmitten der vier Töchter ausgesetzt sieht. Hier geht es um Verführung, sehr erotisch und mit der Leichtigkeit einer Shakespeare-Komödie inszeniert. Der politische Wankelmut des Landes, das binnen Tagen von konservativ zu liberal und wieder zurück umschwenken kann, ist in Belle Epoque nur die Folie, vor der sich der emotionale Wankelmut abzeichnet.

Alle Figuren sind ihren Gefühlen so gut wie wehrlos erlegen, und sie können diese Ohnmacht nur deshalb ertragen, weil sie wissen, dass sie selbst genauso gut zu Verführern wie zu Verführten werden können. Das erklärt auch die erstaunliche Tatsache, dass es in Belle Epoque keine Spur von Eifersucht gibt, obwohl alle vier Töchter in Fernando verliebt sind und er sich offensichtlich nicht entscheiden kann oder will. Statt Neid regiert hier überall bloß der Wille, das Leben zu genießen. Ganz am Ende packt Belle Epoque diese Botschaft auch in eine rührende Abschiedsszene: Das einzig wirklich schlimme Gefühl ist die Einsamkeit.

Bestes Zitat:

“Ich war niemals dazu im Stande, zu rebellieren. Weder gegen die Kirche noch gegen die Armee noch gegen die Ehe. Und die ist, neben den Banken, wohl die reaktionärste, spießigste Einrichtung, die du dir vorstellen kannst.”

Der Trailer zum Film:

Hingehört: TheeSatisfaction – “Awe Naturale”

Mai 18, 2012 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
Schwarz, clever, innovativ: So klingt "Awe Naturale" von Thee Satisfaction.

Schwarz, clever, innovativ: So klingt "Awe Naturale" von Thee Satisfaction.

Künstler TheeSatisfaction
Album Awe Naturale
Label Sub Pop
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***

Das Cover sagt eine Menge aus über Awe Naturale. Darauf sind Stasia Irons und Catherine Harris-White zu sehen, die beiden Damen aus Seattle, die TheeSatisfaction bilden. Ihre Silhouetten wirken geheimnisvoll, ihre Pose selbstbewusst, der Blick in die Zukunft gerichtet.

Das sind die wichtigsten Eckpunkte für dieses Debütalbum. Es gibt hier, um aus dem Presse-Info zu zitieren, „positive energy“ und „black purity”, und zwar in Form von „funk-psychedelic feminista sci-fi epics“. Man kann auch einfach sagen: HipHop, clever, warm, innovativ und mit Sendungsbewusstsein.

Aw ist als Intro so etwas wie Jazz, aber rückwärts abgespielt, und dann noch einmal durch die Mangel von Lee Scratch Perry gedreht. Bitch besteht danach nur aus Bass, Percussions und Gesang, wobei die Stimmlage problemlos innerhalb einer Silbe von Raubkatze zu Schmusekätzchen umschwingen kann. Earthseed hat eine sehr schicke und doch bedrohliche Piano-Atmosphäre à la Portishead.

Damit sind nicht einmal fünf Minuten von Awe Naturale vergangen, und TheeSatisfaction haben schon einen enormen Klangkosmos entworfen. So geht es weiter: HipHop, komplex und mutig – da muss man natürlich an The Roots denken. Auch Ursula Rucker, Lauryn Hill oder das Ethos von Arrested Development sind offensichtlich Bezugspunkte für TheeSatisfaction, die 2008 mit ein paar Mixtapes anfingen, dann selbstgemachte CDs unters Volk brachten und auf selbst finanzierten Tourneen neue Fans gewannen.

TheeSatisfaction wissen um die betörende Kraft des Repetitiven. Vieles klingt opulent, ist aber in Wirklichkeit mit recht reduzierten Mitteln erschaffen. Niemals hat diese Musik so etwas wie Punch (auch wenn es zum Schluss in Naturale pulsierende, wilde Drums gibt), dafür aber eine Menge Sexappeal (wie im sanften Existinct). In Deeper wird nicht gerappt, sondern doziert. Der verschleppte Beat von Sweat kontrastiert schön mit den Latin-Bläsern, die aus einem Earth-Wind-And-Fire-Track gesamplet sind. Juiced klingt wie Jay-Z unter Wasser, Crash schafft es, den denkbar warmen Sound eines Fender Rhodes mit der denkbar kühlen Thematik des binären Zahlensystems zusammenzubringen.

Das sicher beste Beispiel für den faszinierenden Sound dieses Duos ist Needs. Ein irrer Track entwickelt sich da, mit flirrendem Bass und einem verschachtelten Beat, bis ganz am Schluss nur noch die beiden Stimmen von Stasia Irons und Catherine Harris-White zu hören sind. Und erst dann merkt man, was für die Minuten zuvor gilt und für Awe Naturale als Ganzes: Hier rumort es gewaltig.

Ha! Sendungsbewusstsein! TheeSatisfaction performen Deeper für eine Radioshow:

TheeSatisfaction bei MySpace.

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