Hingehört: Absynthe Minded – „Absynthe Minded“ 1


Blöder Name, gute Platte: "Absynthe Minded".

Blöder Name, gute Platte: „Absynthe Minded“.

Künstler Absynthe Minded
Album Absynthe Minded
Label Vertigo
Erscheinungsjahr 2010
Bewertung ***

Belgien habe ich bisher in erster Linie mit leckerer Schokolade, schrägen Kinofilmen und fiesen Kinderschändern verbunden. Diese Liste muss nun wohl um schlechte Wortspiele ergänzt werden.

Denn Absynthe Minded sind Belgier – und ein derart blöder Name kann allein schon reichen, um eine Band nicht zu mögen. Bei Absynthe Minded kommt noch mehr hinzu. Auf dem pseudo-bedeutungsvollen Albumcover posieren die fünf Musiker mit dämlichen Masken, dazu stecken in dem Bild womöglich mehr Andeutungen als in der Steuererklärung eines Mafia-Bosses. Nicht zuletzt enthält auch das Begeleitschreiben der Plattenfirma ein paar eindeutige Warnsignale. Von Facettenreichtum ist da die Rede, von Gypsy-Swing, von Aufnahmen in Paris.

Ich habe mich Absynthe Minded, dem vierten Album eben jener Band aus Ghent, also durchaus skeptisch genähert. Und ich habe Recht behalten. Der achte Song, Multiple Choice, ist ein überambitionierter Stream Of Consciousness, irgendwo zwischen Noise und Jazz. Weekend in Bombay, direkt danach, ist dann nur noch Letzteres – und begeht ebenfalls den Fehler, intellektuell beeindrucken zu wollen statt durch die simple Kraft der Musik zu überzeugen. Und danach ist If You Don’t Go, I Don’t Go mit Walking Bass und Besenschlagzeug genau die Sorte Klischee-Jazz, die schon immer den Musikern mehr Spaß bereitet hat als den Zuhörern.

Ich muss aber auch zugeben: Davor und danch liefern Absynthe Minded eine durchaus überzeugende Platte ab. Das Album, das in Belgien bereits Dreifach-Gold eingefahren hat und nun auch hierzulande veröffentlicht wird, vereint in seinen besten Momenten die Virtuosität von echten Könnern mit der Spontaneität eines losen Kollektivs, versöhnt Weltmusik mit Indie und die Exzesse von Post-Rock mit der Einfachheit von Folk.

Der Auftakt Envoi ist ebenso beschwingt wie zurückgenommen, Heaven Knows wagt sich danach in mediterrane Gefilde. Acquired Taste mit seinem angedeuteten Dancebeat und dem dominanten Piano wird alle glücklich machen, die Toploader, Keane oder Eagle Eye Cherry zu Radiohits verholfen haben. My Heroics Part One ist eine schöne Klavierballade im Stile der Counting Crows, ein bisschen sexy, ein bisschen bedrückend.

Frontmann Bert Ostyn erinnert vor allem dann stark an Pete Droge, wenn er gut abgehangene Quasi-Americana-Songs mit hübschen Streicherverzierungen singt wie Papillon oder das herrliche I’ll Be Alright, in dem er sich im Refrain zur Zeile „What a beautiful story“ immer höher schwingt. Wenig später klingt er in Paramount wie Jack Johnson, wenn man ihn im Keller einsperren würde (Wer hat da: „Ja, bitte!“ gerufen?). Und am Schluss rufen Absynthe Minded mit dem feinen I Like When You’re Sad dank eines Trompetensolos, reichlich Lakonie und der bösen Zeile „I’m tired of all my friends / I can’t stand their loneliness“ sogar Erinnerungen an Cake wach.

Nur eins lässt sich bei Absynthe Minded nicht so recht erkennen: ein Alleinstellungsmerkmal. Aber vielleicht kann dafür ja das schlechte Wortspiel herhalten.

Schlechte Wortspiele kann ich auch: Das Video zu My Heroics Part One kann man sich ja vielleicht schönsaufen:

Absynthe Minded bei MySpace.

Eine Kurzversion dieser Rezension gibt es auch bei news.de.


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