Durchgelesen: Kristof Magnusson – „Zuhause“


„Zuhause“ ist kein Ort – auch in diesem Buch nicht.

Autor Kristof Magnusson
Titel Zuhause
Verlag Kunstmann
Erscheinungsjahr 2005
Bewertung ****

Selten begann ein Roman so furios. Auf wenigen Seiten schafft es Kristof Magnusson nicht nur, seine beiden Hauptfiguren vorzustellen. Er liefert gleich ein Psychogramm von Larús und Matilda mit. Man kennt die beiden sofort und – was viel wichtiger ist – man bangt unmittelbar mit ihnen mit.

Es sind gestochen scharfe Dialoge, die sie sich gleich am Beginn liefern, und die die besondere Qualität dieser Beziehung klar machen, voller Intensität und Rivalität. Und es sind Beobachtungen des anderen, unfassbar zielsicher, wie sie nur bei Leuten gelingen, die man aus dem Sandkasten kennt. „Ich nahm noch eine Halstablette. Die Plastikfolie um die gelbe Rose in Matildas Hand knisterte. Ich rieb mir die Augen. Matilda sah mich an, lächelte, und ich erschrak ein wenig, denn sie hob nur einen Mundwinkel. Ich kannte dieses halbe Lächeln: Sie sah mich an wie eine wahnsinnige Ingenieurin, die mich entworfen und nun eine neue Fernsteuerung für mich gebaut hatte, mit einem großen roten Knopf drauf, den sie begierig war auszuprobieren. Ein roter Knopf, der mir den Befehl gab, trinkend durch das Land zu ziehen und in einem Anfall von melancholischer Tobsucht die Siedlungen der Schafbauern zu verwüsten und über die Söhne aufs Meer hinausgefahrener Fischer herzufallen, wonach man mich ins Hochland verbannen und noch nach Generationen warnend von mir sprechen würde.“ Sofort ist klar: Gerade weil diese beiden besten Freunde sich so viel bedeuten, gehen sie so unerbittlich, ja grausam miteinander um.

Beide erwarten vom Gegenüber nichts weniger als Perfektion, erhoffen für den anderen nichts weniger als das Paradies. Sie suchen Verständnis beieinander, und sie bekommen oft nur Kränkungen.

Der Roman ist aber keineswegs bloß die Geschichte dieser besonderen Freundschaft. Denn „Zuhause“ ist natürlich auch hier kein Ort, sondern eine Suche. Es ist auch ein ganz anderer Blick auf Island, ohne Esoterik, dafür mit reichlich historischem Ballast, der sich gar zu einem Krimi auswächst. Der Boden, aus dem heiße Quellen sprudeln und über dem angeblich die Elfen tanzen, ist hier fast überall mit Blut besudelt, und mit Tränen.

Es ist zudem ein Weihnachtsmärchen, in dem sich die Melancholie des Advents nur mit Belle & Sebastian und den Smiths ertragen lässt. Es ist ein fein konstruiertet Roman von fast ausufernder Komplexität, die aber durch tolle Einfälle wie die „Gesellschaft der Liebeskranken in Zürich“ oder die Vergleiche mit der Vogelwelt eine schlüssige Form findet.

Schließlich entwirft Kristof Magnusson ein Sittengemälde, jawohl: so etwas wie das Porträt einer Generation.

Beste Stelle: „Erwachsen werden war wie nach Australien fahren. Man wusste, wie die Kängurus aussahen, aber man konnte sich trotzdem nicht vorstellen, wie es sein würde, einem gegenüber zu stehen. Milan und ich hatten uns oft vorgestellt, wie es wohl sein würde in der Welt der Geld verdienenden Menschen, die sich richtige Möbel kauften und abends zu Hause blieben. Wir hatten uns auf Australien gefreut.“

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