Futter für die Ohren mit Beabadoobee, Mando Diao, Kraftklub, Beatsteaks und Sebastian Madsen


Mando Diao Stop The Train

Das neue Album von Mando Diao kommt in drei „Volumes“. Foto: Cargo Records / Gustaf Elias

Wahrscheinlich hat das alles mit Streaming, den dadurch veränderten Aufmerksamkeitsspannen und Maßeinheiten wie der „Album Equivalent Unit“ zu tun, mit der gemessen wird, wie viele Streams die Songs eines Albums brauchen, damit sie in die Berechnung der Albumcharts einfließen. In jedem Fall bilden in den meisten Fällen physische Verkäufe nur noch einen Bruchteil dieser Units, zugleich ist ein Trend zu neuen Formaten (inklusive EPs) zu erkennen. Mando Diao setzen jetzt eine Idee um, die zuletzt auch schon The Kooks angekündigt hatten: Das neue Album der Schweden kommt scheibchenweise, nämlich in drei Volumes. Man kann sich das vielleicht vorstellen wie einen Autor, der sein neustes literarisches Werk in drei Bänden ankündigt, auch wenn es sich (bei Mando Diao ebenso wie bei den Kooks) nicht um drei vollwertige eigene Werke handelt, die dann eine Trilogie ergeben, sondern stattdessen das ursprüngliche Werk in kleinere Einheiten zerlegt und nach und nach unters Volk gebracht wird. Bei der Band aus Borlänge heißt das erste Volume Stop The Train und enthält vier Songs, insgesamt haben Mando Diao mit Produzent Charlie Storm 15 neue Stücke aufgenommen. Auch dabei gab es einen besonderen Ansatz: Die Band hat jeden Tag einen Song geschrieben und ihn in dann direkt in der folgenden Nacht aufgenommen. So eine Methode lässt natürlich aufhorchen: Das kann erfreulich viel Spontaneität bedeuten, aber auch frustrierend wenig Qualitätskontrolle. Es kann für Vertrauen in die Inspiration des Moments stehen, aber auch auf fehlende Motivation hindeuten, sich einfach ein bisschen länger und aufwendiger mit dem Material auseinanderzusetzen. Die Band sieht natürlich die erstgenannte Interpretation als gültige an. „Es ist leicht, sich auf dem Weg zu verlieren, wenn man sich Zeit lässt. Oft liegt eine gewisse Magie in den Aufnahmen, die man macht, wenn einem gerade eine Idee kommt. Das kann alles sein, von einem Demo bis zu einer einfachen Sprachnotiz. Wir wollten diese Momente festhalten und die erste Aufnahme zur endgültigen werden lassen“, sagen sie. Nimmt man den Titelsong des ersten Volumes zum Maßstab, kann man dieser Einschätzung folgen. Stop The Train (***1/2) setzt auf viel Rhythmus und einen Hauch von Bedrohlichkeit und Rohheit, der die besten Momente dieser Band schon immer ausgezeichnet hat: Tanzbarkeit und Charakter werden hier mühelos vereint. Volume 2 des Albums erscheint im Herbst 2022, Volume 3 folgt dann im ersten Quartal 2023. Alle drei Volumes werden zuerst digital und als limitierte Vinyl-Editionen veröffentlicht, danach soll es eine exklusive physische Vinyl-Box mit allen Volumes geben.

Ein Song reicht natürlich nicht als Vorbote auf das neue Album von Kraftklub. Nach der gleichnamigen Single legen die Chemnitzer nun mit Wittenberg ist nicht Paris (****1/2) nach. Der Song unterstreicht, wie mühelos Kraftklub weiterhin Schmackes mit Eingängigkeit und Intelligenz zusammenführen, lässt aber schnell auch eine Besonderheit erkennen. Der neue Song blickt auf einen Aspekt von ostdeutscher Identität, der beim Blick auf das angebliche Dunkeldeutschland gerne übersehen wird, nämlich die weiterhin laufenden Migrationsbewegungen von Ost nach West und die weiterhin bestehenden Einkommens- und Vermögensunterschiede zwischen neuen und alten Ländern. „Es ist nicht alles schlecht / aber viel mehr als woanders“, lautet die Erkenntnis, und die führt oft dazu, dass der Weg junger Menschen weg aus der ostdeutschen Provinz führt, weg von den Baseballschlägerjahren und raus aus der Gegend, in der eben nicht (fast) alle ein Eigenheim geerbt haben. Dass auch diese Möglichkeit zum „Rübermachen“ ein Privileg ist, dass sie das Image von (Binnen-)Flüchtlingen zuhause nicht gerade verbessert und vor allem die dort bestehenden Probleme eher noch vergrößert, haben Kraftklub sehr genau erkannt – ebenso, wie schwer das Gelingen von Integration/Assimilation im anderen Deutschland sein kann und wie sehr man auch dadurch dazu verführt wird, die Heimat auszublenden oder zu verleugnen. All das ist so klug, aktuell und dabei auch packend, dass man sich nur mächtig auf die neue Platte freuen kann. Das erste neue Kraftklub-Album nach fünf Jahren wird Kargo heißen und am 23. September 2022 erscheinen.

Bleiben wir in der Liga deutschsprachiger Gitarrenmusik-Institutionen, die in der Kategorie von Festival-Headlinern unterwegs sind: Die Beatsteaks haben ebenfalls vor fünf Jahren ihr letztes reguläres Album veröffentlicht (2020 gab es dann noch die EP In The Presence Of als Sammlung von Coverversionen) und senden nun mit der heute veröffentlichten Single Kommando Sunshine (****) ein Lebenszeichen. Der Song zeigt, wie gut die Berliner es verstehen, den eigenen Markenkern zu pflegen: Tempo, Energie, ein bisschen Wahnsinn und (auch im Videoclip, in dem die Bandmitglieder ihre Gesichter in die Köpfe diverser Popkultur-Größen morphen) die Offenheit für Selbstironie zeichnen die Band seit ihrer Gründung 1995 aus und werden auch hier sehr deutlich. Wer es zur Release-Show übermorgen im Cassiopeia in Berlin nicht schafft, kann das Lied sicher demnächst trotzdem live erleben: Die Beatsteaks sind den ganzen Sommer auf Tour.

Ziemlich verwandelt erscheint hingegen Sebastian Madsen: Nach 18 Jahren, acht Studioalben und verdammt vielen spektakulären Konzerten mit seiner Band Madsen wird er im Herbst sein erstes Soloalbum vorlegen und darauf nach eigener Auskunft unter anderem auf Soul im Stile von Otis Redding, Curtis Mayfield oder Amy Winehouse, Pop und Disco setzen. „Ich wollte schon lange ein Album machen, das meine Begeisterung für Musik abseits von Madsen widerspiegelt“, sagt er. „Ich möchte mich gerne langfristig auch als Solokünstler zeigen und Konzerte mit einer großen Live-Besetzung inklusive Background-Gesang und Bläser-Ensemble spielen.“ Auslöser dafür, diesen Plan jetzt auch umzusetzen, waren demnach „Corona-Frust, Langeweile und Liebeskummer“. Vor allem Letzteres kann man seiner ersten Solo-Single Sei nur du selbst (****) gut anhören. Sebastian Madsen besingt einen Liebeskummer, der auch deshalb so stark ist, weil er offensichtlich am Ende einer Beziehung steht, die so lang und/oder so intensiv war, dass sie die eigene Persönlichkeit geprägt, beinahe okkupiert hat. „Sei du selbst / hör doch einfach auf dein Herz / ohne dich schlägt es nur irgendwie verkehrt / glaub an dich und sei der, der du bist / ohne dich weiß ich nur gar nicht wer das ist“, heißt das dann. Das Lied ist schwungvoll, romantisch und originell, natürlich glänzt es auch – wie man das von diesem Interpreten kennt – mit toller Melodie und strahlender Stimme. Das Bläser- und Streicher-Arrangement stammt von Markus Trockel, außerdem hat Drangsal unterstützt. „Ich bin schon lange Fan davon, was Drangsal macht, kannte ihn aber gar nicht“, erzählt Sebastian Madsen. „Nachdem ich mir über Freunde seine Nummer besorgt und ihm geschrieben hatte, rief er mich an und meinte ‚Egal, was du fragst, ich sage auf jeden Fall ja‘. Das hat mich total gefreut.“ Das Ende seiner Band bedeutet die nun beginnende Solokarriere übrigens keineswegs, betont Sebastian Madsen: Das Album hat er im Madsen-Studio im Wendland aufgenommen, sein Bruder Johannes war Co-Produzent. „Madsen wird es weiterhin geben – wir haben gerade sogar die schönste gemeinsame Zeit, die wir je hatten.“

Nach nur einem Album (und zugegebenermaßen auch fünf EPs und etlichen sehr spektakulären Feature-Auftritten) wird Beatrice Lauss alias Beabadoobee von ihrer Plattenfirma schon als „Gen Z-Ikone“ bezeichnet. Angesichts der bisherigen Karriere der Londonerin ist das auch keineswegs zu hoch gegriffen. Die nächste Stufe soll das zweite Album zünden, das Beatopia heißen und am 15. Juli erscheinen wird. Die Wartezeit verkürzt die 21-Jährige mit der neuen Single Lovesong (****), deren Kern noch aus der Zeit ihrer zweiten EP im Jahr 2019 stammt. Das Lied verweist mit seiner sanften, angenehmen, zärtlichen und zerbrechlichen Atmosphäre und den sehr geschmackvollen Streichern auf die akustischen Ursprünge von Beabadoobee, die hier fast wie eine höfliche Variante von Lily Allen wirkt. „Der Refrain war eigentlich schon seit Loveworm geschrieben, ich hatte nur keine Akkorde, mit denen ich ihn singen konnte. Er ist eigentlich in einer wirklich seltsamen Stimmung geschrieben, die ich vergessen habe. Und ja, es ist einfach ein weiteres Liebeslied, ein süßes Liebeslied. Es war einer der letzten Songs, die ich für Beatopia aufgenommen habe.“ Insgesamt wird die Platte 14 Songs enthalten, derzeit ist Beabadoobee auf US-Tournee mit Halsey, im Oktober steht ihre eigene Headline-Tour durch Großbritannien an.

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