Southside, Neuhausen ob Eck 1


Keine Band wird so geliebt wie seine: Kele Okereke von Bloc Party. Foto: FKP Scorpio

Keine Band wird so geliebt wie seine: Kele Okereke von Bloc Party. Foto: FKP Scorpio

Es gibt ein paar Dinge, die man auf einem Rockfestival nicht mehr sehen will. Die aufblasbaren Telekom-Hände zum Beispiel. Jungs mit „Abi 2006“-T-Shirts, die versuchen, ein Dixie-Klo umzuwerfen. Zelte, in denen zu horrenden Preisen T-Shirts verkauft werden, die man in der realen Welt außerhalb des Festivalgeländes ohnehin allenfalls zum Tapezieren anziehen kann. Die schauerliche Sammlung der Verzierungen, mit denen Tätowierer dieses Landes eine ganze Generation verunstaltet haben. Und Bands, die seit fast 15 Jahren nichts halbwegs Aufregendes mehr hinbekommen haben, aber trotzdem noch Headliner sind. Ja, wir reden von Pearl Jam.

Die Grunge-Veteranen, die sich mit Konzerten in Deutschland schon lange rar machen, waren die große Enttäuschung des Southside-Festivals in Neuhausen ob Eck. Die Mannen um Eddie Vedder spielen inzwischen zwar wieder ihre Hits, waren aber dennoch schlicht langweilig. Auch andere große Namen überzeugten nicht (Marilyn Manson) oder lieferten eine allenfalls routinierte Show (Placebo).

Trotzdem gab es für die 45.000 Musikfans genug zu entdecken. Zum Beispiel die neuesten Trends in der Gummistiefel-Mode (dem Augenschein nach sind hier Streifen, kräftige Farben und sogar Batik-Muster im Kommen). Nachdem Unwetter und Regen den Start des Festivals überschattet hatten (bei Aufbauarbeiten kam ein Sanitäter ums Leben, ein Kollege von ihm befindet sich weiterhin in kritischem Zustand), gab es am Freitag viel Schlamm und am Samstag viel Wind und gestern viel Sonne.

Eine Zeltbühne konnte nicht mehr rechtzeitig aufgebaut werden, so dass es beim „Southside“ in der Nähe des Bodensees statt der geplanten über 60 Künstler (die auch beim parallel stattfindenden Hurricane-Festival in Niedersachsen vor 55.000 Fans spielten) nur gut 40 Bands zu sehen gab. Doch auch darunter befand sich am gesamten Wochenende noch ganz viel gute Musik.

Art Brut waren der erste Höhepunkt am Samstag. Sänger Eddie Argos, der immer mehr wie ein Erdkunde-Lehrer aussieht, ergötzte sich an der Verehrung, die ihm vor allem die deutschen Fans entgegenbringen, und bedankte sich mit einer famosen Show. Rakes-Sänger Alan Donahue sicherte sich schon früh den Preis als individuellster Tänzer, The Blood Arm holten sich Fans auf die Bühne. Die Kings Of Leon hatten sichtbar Spaß, am Abend konnten es sich die Queens Of The Stone Age erlauben, ihre beiden größten Hits gleich zu Beginn zu spielen, weil sie genug starke neue Stücke im Gepäck hatten.

Gestern jagte dann ein Klasse-Konzert das nächste. Besser als mit den grandiosen Newcomern Mumm-Ra hätte der Sonntag nicht beginnen können. Bloc Party hatten zum Sonnenuntergang mit technischen Problemen zu kämpfen – trotzdem war klar, dass keine der auftretenden Bands ihren Fans mehr bedeutet als diese Gruppe. Die Krönung war freilich der Auftritt von Arcade Fire. Sie überhaupt in Fleisch und Blut vor sich zu sehen, ist bei dem kanadischen Kollektiv schon Ehrfurcht gebietend. Dass sie ihren Sound aus einer anderen Welt dann tatsächlich auch auf die Bühne bringen, ist, als würde man zum ersten Mal überhaupt Musik hören. Jedes Lied ein Manifest, jeder Ton ein Glaubensbekenntnis – und zwar von jedem der zehn Leute auf der Bühne. Dazu bietet die Band ein grandioses Spektakel – und sieht dabei aus wie eine perverse Sekte, die Kinder zum Frühstück isst, wenn sie nicht gerade Platten in leer stehenden Kirchen aufnimmt. Atemberaubend.

Zum Abschluss bewiesen die Fantastischen Vier (die es bei ihrem Heimspiel leicht hatten) und die Beastie Boys (die taufrisch wirkten), dass die großen Namen ihrem Ruf auch manchmal gerecht werden können.

Im nächsten Jahr soll es ein ähnlich attraktives Programm geben. „Wir werden uns treu bleiben“, verspricht Andreas Sengenbusch vom Veranstalter FKP Scorpio. Man sollte sich das nicht entgehen lassen. Und Gummistiefel einpacken.

Heimspiel: Die Fantastischen Vier sind beim Southside besonders Populär:


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