Draufgeschaut: Deutschland 09


Film Deutschland 09

Beintl (Josef Bierbichler) erkennt seine Zeitung nicht wieder.

Beintl (Josef Bierbichler) erkennt seine Zeitung nicht wieder.

Produktionsland Deutschland
Jahr 2009
Spielzeit 152 Minuten
Regie Fatih Akın, Wolfgang Becker, Sylke Enders, Dominik Graf, Christoph Hochhäusler, Romuald Karmakar, Nicolette Krebitz, Dani Levy, Angela Schanelec, Hans Steinbichler, Isabelle Stever, Tom Tykwer, Hans Weingartner
Hauptdarsteller Josef Bierbichler, Benno Fürmann, Dominik Graf, Eva Habermann, Sandra Hüller, Dani Levy, Denis Moschitto, Anneke Kim Sarnau
Bewertung

Worum geht’s?

In insgesamt 13 Kurzfilmen nehmen verschiedene Regisseure eine Bestandsaufnahme ihrer Wahrnehmung von Deutschland im Jahr 2009 vor, also 60 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik, 20 Jahre nach dem Fall der Mauer. Mit ihren unterschiedlichen Blickwinkeln gehen die Filmemacher der Frage nach, was Deutschland ausmacht und was wir daran als Heimat empfinden.

Das sagt shitesite:

Regisseure, die aus dem Off ihre eigenen Bilder besprechen (Dominik Graf). Schauspieler, die Regie führen (Daniel Levy). Schauspielerinnen (Nicolette Krebitz), die als Regisseurin zwei tote Frauen aufeinander treffen lassen, die womöglich zu ihren großen Heldinnen gehören und von denen eine vom aktuellen literarischen Wunderkind (Helene Hegemann) gespielt wird: All das sind, zumindest äußerlich, gute Argumente, um Deutschland 09 als ein abgehobenes Vanity Project erscheinen zu lassen.

In der Tat ist das Qualitätsgefälle der insgesamt 13 Episoden groß, doch die erwähnten gehören zumindest größtenteils zu den besseren. Daniel Levy will in Joshua per Straßenumfrage die Stimmung in Deutschland erkunden, trifft aber nur auf Depression. Schließlich bekommt er eine Gute-Laune-Pille verschrieben, die ihn das Land mit ganz anderen Augen sehen lässt. Das ist skurril, abgefahren und unterhaltsam. Nicolette Krebitz fantasiert in Die Unvollendete eine Begegnung von Ulrike Meinhof und Susan Sontag herbei. Die Diskussionskultur, intellektuelle Schärfe und Politisierung des Jahres 1969, in dem diese Szene angesiedelt ist, bildet ganz ohne expliziten Hinweis einen reizvollen Kontrast zum oberflächlichen Schweigen anno 2009.

Der Weg, den wir nicht zusammen gehen von Dominik Graf und Martin Gressmann wirkt hingegen schon im Abstand von nur fünf Jahren seltsam gestrig und sogar peinlich: Die beiden zeigen Bilder von Architektur und suchen darin ein Symbol für die Lage des Landes. Das ist selbstverliebt und überambitioniert. Noch schlimmer ist Krankes Haus von Wolfgang Becker und Jan-Ole Gerster, das superschlau sein möchte, aber schlimmer als Klamauk endet.

Zu den Höhepunkten zählt hingegen Der Name Murat Kurnaz von Fatih Akin, eine einfache Idee, die sehr wirkungsvoll umgesetzt wird. Eine kleine Episode aus dem sozialen Brennpunkt mit einer sehr effektiven Pointe wird Schieflage von Sylke Enders. Heimweh inmitten der Globalisierung wählt Tom Tykwer in Feierlich reist als Thema. Hans Weingartner greift mit Gefährder die Ausweitung von Überwachung und Polizeistaat im Zuge des Anti-Terror-Wahns auf. Romuald Karmakar, Angela Schanelec und Isabelle Stever bleiben in ihren Beiträgen dokumentarisch.

Am besten ist Fraktur von Hans Steinbichler, der die Geschichte eines Unternehmers erzählt, der eines Morgens entdeckt, dass seine liebste Schriftart aus der FAZ verschwunden ist und sich das nicht bieten lassen will. Der Kurzfilm, der einer Definition dessen, was Deutschland im Jahr 2009 ausmacht, vielleicht am nächsten kommt, ist ausgerechnet eine Science-Fiction-Episode: Christoph Hochhäuslers Séance lässt die Menschen in einer Mondkolonie auf unser Land zurückblicken.

Unterm Stich ist Deutschland 09 eher ein interessantes Experiment als ein großer Wurf. Es gibt ein paar gute Ideen und eindringliche Momente. Aber etliche Episoden funktionieren, wenn überhaupt, lediglich durch den Kontext der anderen Kurzfilme. Immerhin wird das Ergebnis, letztlich auch wegen dieser Qualitätsunterschiede, trotz zweieinhalb Stunden Spielzeit ungemein kurzweilig.

Bestes Zitat:

Männer haben Menschheitsprobleme. Frauen haben Frauenprobleme.“

Der Trailer zum Film:

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