Hingehört: Black Rust – „The Gangs Are Gone“


Künstler Black Rust

"The Gangs Are Gone" zeigt: Amerika beginnt in Ahlen.

„The Gangs Are Gone“ zeigt: Amerika beginnt in Ahlen.

Album The Gangs Are Gone
Label Strange Ways
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung

The Gangs Are Gone. Es gibt eine Menge Künstler, von denen man kein Album mit diesem Titel haben will. 50 Cent zum Beispiel. Sollte der irgendwann geläutert sein, ein wiedergeborener Christ werden und ein lieber Märchenonkel, dann könnte das Dokument seiner musikalischen Bekehrung womöglich The Gangs Are Gone heißen. Oder Noel Gallagher. Sollte der nach dem Ende von Oasis auf die dumme Idee kommen, ein Singer-Songwriter-Album zu machen, in dem er den guten alten Zeiten nachtrauert, als er mit seinen Kumpels noch Autos in Manchester knackte, dann redet ihm hoffentlich jemand das Konzept für sein The Gangs Are Gone aus. Oder Weird Al Yankovic. Nehmen wir an, er wäre plötzlich wild entschlossen, der ganzen Welt zu zeigen, dass in ihm keineswegs nur ein Kasper steckt, sondern auch ein ernsthafter Jazzvirtuose/Filmkomponist/Ambientbastler und dann würde sich beim Druck des Plattencovers aus Versehen auch noch an der falschen Stelle ein N einschleichen – dann käme ebenfalls ein schlimmes The GaNgs Are Gone heraus.

Für das zweite Album von Black Rust ist dies allerdings der perfekte Titel. Wenn die Gangs verschwunden sind, dann können sich schließlich die Aufrechten wieder auf die Straßen trauen, die Gutmenschen, sogar die Weicheier. Und genau das sind Black Rust.

Schon die Songtitel deuten das an: Broken Home, Again (My Darkest Hour), sogar Having Panic About A New World War. Und das MySpace-Profil von Black Rust heißt dann auch noch So Much Weakness. Damit ist klar: Hier geht es um Introspektion, um Nabelschau. Hier vertont jemand sein Tagebuch, und viele der Seiten darin haben einen Trauerrand.

Deshalb pfeifen Black Rust auf The Gangs Are Gone auch auf die etablierte Methode, ein Album mit einem Kracher zu beginnen. Der Titelsong am Anfang setzt eher auf zarte Melancholie, eine raue Stimme und eine Liebe zum Jangle, wie man die auch von den Rembrandts oder Wallflowers kennt. Danach schwindet die Energie schon voll und ganz: Das superbe From Now On hätte herrlich auf Ryan Adams’ Love Is Hell gepasst. „Everything starts to hurt from now on“, heißt die zentrale Zeile, und es bleibt kein Zweifel daran, dass dies der Schmerz ist, den man nur fühlt, wenn etwas wirklich unwiederbringlich verloren ist. Als wäre das nicht schon untröstlich genug, gesellen sich dann zur klassischen Rock-Besetzung auch noch ein Wehmutsklavier und ein Sehnsuchtsakkordeon hinzu.

Auch im weiteren Verlauf von The Gangs Are Gone gilt: Es gibt hier reichlich Instrumente (von Mandoline über Glockenspiel, Posaune und Banjo bis hin zur Tuba) aber immer nur eine Stimmung: den großen, amerikanischen Weltschmerz.

Das ist umso erstaunlicher, wenn man weiß, dass Black Rust aus dem westfälischen Ahlen kommen. „Das Album ist Odyssee, Suche und Sehnsucht nach genau dem Gefühl, das dir ganz klar und deutlich sagt: Hier bist du richtig“, beschreibt Bassist Julian Jacobi sehr treffend die Grundstimmung. So viel Mut zur Schwäche könnte freilich leicht in einer Überdosis Larmoyanz enden. Doch Black Rust haben zwei gute Gegenmittel, um sich diesem Vorwurf nicht aussetzen zu müssen. Erstens wird gelegentlich durchaus das Tempo angezogen, etwa im energischen Present Nothing, Past Less, dem zackigen These Days mit Blechbläsern oder in Rain/Roses, wo das Schlagzeug Sänger Jonas Künne so lange einheizt, bis er sich die Textzeile „It’s gonna be alright“ endlich selbst glaubt. Zweitens sind Black Rust viel zu stilsicher, um jemals lächerlich zu wirken.

Back To Where I Started hat bei Coldplays Yellow sehr genau aufgepasst, baut aber nicht erst langsam Dramatik auf, sondern beginnt gleich wie ein großes Finale. Broken Home ist hübscher Folk im Stile der Counting Crows, Horizon greift die Thematik von Snow Patrols Open Your Eyes auf. Auch hier wird offensichtlich um das Leben eines kleinen Kindes gebangt. „How I hope that you’re alive“, singt Jonas Künne immer wieder. Es wird ein Stoßgebet, und die Musicbox scheint direkt neben dem Kinderbettchen zu spielen.

Auch der Rausschmeißer (abgesehen von Still, einem Hidden Track, der Fran Healy die Tränen in die Augen treiben dürfte) Having Panic About A New World War hat diese Intensität. „Have I ever told you / that I miss having you around“, heißt die schlichte Liebeserklärung, an der sich Künne nach und nach selbst berauscht, bis am Ende Streicher und Flöten jubilieren.

„Musik ist nicht dazu da, die Welt zu retten. Musik ist dazu da, dir dein Leben zu retten“, lautet das Motto von Jonas Künne, und nach The Gangs Are Gone ist er sicher: „Wohin es auch gehen mag, eins ist sicher: Hier sind wir richtig.“ Stimmt genau.

Auf den Hut aus dem Video zu The Gangs Are Gone ist Fran Healy bestimmt auch neidisch:

Black Rust bei MySpace.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.